Dies dumm-stolze Eigentumsverhältnis zu den Klassikern ("unseren") hätte ich Dohnanyi nicht zugetraut, nicht diese trostlose Simplifikation, es gelte sie "wiederzuerkennen" wie "alte (Party?-)Bekannte". Wir "haben" die Klassiker nicht, wir müssen, im Bewußtsein unseres Andersseins, im Bewußtsein, daß wir uns verändert haben, weiter verändern (und verändert werden), sie uns als Zeitgenossen aneignen: In einer doppelten Zeitgenossenschaft überdies: als Zeugen und Beurteiler ihrer Zeit und – unserer. Wahrlich ein komplizierterer Prozeß, als es sich des Bürgermeisters Spruchweisheit träumen läßt.

Henning Rischbieter in "Theater heute" über die Rede des Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi zur Wiedereröffnung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg.

Auch Horres geht – Die Hamburger Kunstverhinderer an der Macht

Nun also auch Horres. Nach Peter Striebeck (Thalia, 1982), Niels-Peter Rudolph (Schauspielhaus, Oktober 1984), hat nun auch der Indendant der dritten Hamburger Staatsbühne kapituliert: Der Chef der Staatsoper, Kurt Horres, bittet um vorzeitige Lösung seines bis 1988 laufenden Vertrages. Schon sein Vorgänger, Christoph von Dohnanyi, ist vor der Zeit gegangen. Horres hat es ganze drei Monate ausgehalten. Da kann an dem von Intrigen erschütterten Haus doch etwas nicht stimmen. Schon Dohnanyi mochte mit "seinem" Operndirektor, Rolf Mares, nur noch schriftlich verkehren. Ist der glatte Manager Mares abermals dabei, einen Künstler zu vergraulen? "Einmischung in künstlerische Angelegenheiten" wirft Horres dem Operndirektor vor, der sich im Manager Magazin dreist schon als möglicher Intendant selber anpreist: "Heute könnte ich es." "Wie wenig Anstand herrscht noch an diesem Haus", klagt das Hamburger Abendblatt – und macht die Ohrfeige publik, die der Direktor des Staatsorchesters, Schönfelder, dem scheidenden Intendanten verpaßt: "Man wird sein Weggehen genausowenig bemerken wie sein Kommen." Daß da offenbar ein übler Coup inszenert wurde, gegen einen Mann, dem man nicht einmal die Chance der Einarbeitung gab, ahnt man. wenn der Betriebsratsvorsitzende, Lederer, obwohl von Schuld noch gar nicht die Rede ist, vor einseitiger "Schuldzuweisung" an Mares warnt und versichert: "Wir stehen voll hinter ihm." Die Hamburger Theaterkrise geht in eine neue Runde. Die Künstler gehen, die Kunstverhinderer drängen an die Macht.

Afrika in Hamburg

Ein heißer Herbst steht den Hamburgern ins Haus: einen Monat lang, einen "Afrikanischen November" lang Musik, Malerei, Dichtung, Kino aus dem unbekannten Kontinent. Eine Leistungsschau nennt man so etwas wohl in der Wirtschaft, eine kulturelle Leistungsschau: zweiundzwanzig Konzerte mit afrikanischen Ensembles und Orchestern, zwanzig Aufführungen mit neuen afrikanischen Filmen, zahlreiche Ausstellungen, Lesungen mit Künstlern aus dreizehn afrikanischen Ländern. Ein "Westafrican Groove-Festival" steht auf dem Programm, mit Tam-Tam, Talking Drum, Kora mit Saraba und Fatala aus Senegambia, am 19. 11. in der Markthalle, und eine "Ostafrikanische Nacht" am 28. 11. Nähere Information gibt das Organisationsbüro, Nernstweg 32-34, Hamburg 50, (0 40) 39 44 04.

Wolfgang Heinz

Wer ihn als Nathan gesehen hat, wird diesen etwas untersetzten Herrn mit weißem Haarkranz und Kinnbart nicht vergessen: Kein Apostel der Humanität sprach ein "Wort zum Sonntag", sondern ein schlauer Kaufmann warb dafür, den Sinn für Wirklichkeit und Toleranz, durchaus im Sinn von leben und leben lassen, aus der Welt des Geschäftemachens in den politischen Alltag wirken zu lassen. Wenn am Ende wunderbar genauer Inszenierungen der Dramen von Tschechow oder Gorki der kleine Mann mit der dunklen Brille von den Schauspielern, lächelnd, auf die Bühne gezogen wurde, wußte man: hier hat wieder Nathan inszeniert – realistisch, ohne ideologischen Schmu, ohne Angst vor Gefühlen, nie ohne Humor. Der in Pilsen geborene Theatermann fühlte sich als Österreicher. In die Emigration gezwungen, hat er zum Ensemble der Antifaschisten gehört, die das Zürcher Schauspielhaus während der Nazizeit zur führenden Bühne deutscher Sprache gemacht haben. Sein österreichischer Sinn für Menschlichkeit, Redlichkeit, Vermittlung hat ihn auch in der DDR nicht verlassen. Ob als Präsident im Verband der Theaterschaffenden, ob als Intendant des Deutschen Theaters: nie ist er zum "Kulturfunktionär" verkümmert, sondern hat jüngere Kollegen ermutigt oder geschützt (Adolf Dresens von der SED bekämpfte "Faust"-Inszenierung). Jetzt ist dieser Patriarch des Theaters deutscher Sprache in Ost-Berlin gestorben: Wolfgang Heinz, 84 Jahre alt.