Bis die Bundesregierung mit ihrem Großversuch zum Tempo-Limit überkommt, wird noch einige Zeit vergehen. Wir haben inzwischen mal einen Kleinversuch unternommen. Dabei ging es nur um einen einzigen Faktor aus der Fülle der Pro- und Contra-Argumente. Es ging um die immer wiederkehrende Behauptung, auf deutschen Autobahnen gab es keine Geschwindigkeitsbeschränkungen, während in allen benachbarten Ländern ein vernünftiges Tempo-Limit festgelegt sei.

Ich fahre sehr viel im Ausland. Und man weiß ja nichts so genau wie das, was man selber erfahren hat. Ich weiß: wenn ich von Hamburg nach Sizilien fahre, dann kommt ein langsames Stück mit vielen Baustellen bis Hannover; von Hannover bis Kassel geht es einigermaßen, vom Hattenbacher Dreieck bis Würzburg geht es flott. Von Würzburg nach Nürnberg käme man im Sommer mit dem Fahrrad oft schneller voran. Nürnberg–München-Kufstein-Innsbruck: da kann man Glück, kann aber auch viel Pech haben. Wenn man den Brenner erst einmal hinter sich hat (acht bis fünfzehn Stunden, nachdem man in Hamburg losgefahren ist), dann herrscht freie Fahrt; Gehorsam, wie ich als Deutscher bin, fahre ich kaum schneller als die erlaubten 130. Fesche Fiats überholen mich scharenweise. Dennoch: vom Brenner bis Reggio di Calabria, das dauert nicht länger als neun Stunden, darauf kann ich mich verlassen.

Fazit: Ich kann das Gerede von der freien Fahrt auf deutschen Autobahnen nicht mehr hören. Sie wird allenthalben eingeschränkt durch teilweise unsinnige Geschwindigkeitsbeschränkungen, durch um der Profitmaximierung willen überlange Baustellen (in keinem Land wird so viel wie in Deutschland an den Autobahnen gebaut), durch Elefanten-Rennen von Lastwagen, durch Linksfahrer, die uns erziehen wollen.

Da ich selber mich als befangen betrachte, haben wir zwei junge Kollegen gebeten, nun nicht gleich bis nach Kalabrien zu fahren, aber einmal von der deutschen Grenze nach Paris und danach ein Stück vergleichbarer Länge auf einer deutschen Autobahn.

Ihr Ergebnis entspricht nicht ganz meinen Erwartungen. Aber sie geben ja auch zu: sie haben Glück gehabt. Wären sie auf der deutschen Autobahn in umgekehrter Richtung gefahren, dann hätten sie wenigstens ein paar der Staus mitgekriegt, ohne die eine längere deutsche Autobahnfahrt eigentlich nicht mehr abgeht. Immerhin: langsamer wird in Frankreich, im Durchschnitt, auch nicht gefahren, trotz Geschwindigkeitsbeschränkung. Das verdient ja schon mal festgehalten zu werden. Vielleicht kann es dem Gerücht von den wald- und menschenmordenden deutschen Rasern ein bißchen von seiner Durchschlagskraft nehmen.

Wenn wir die Durchschnittsgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen unter 100 Stundenkilometer drücken (Höchstgeschwindigkeit 100 würde genau das zur Folge haben, tüchtig, wie die deutsche Polizei ist), dann hören diese Autobahnen auf, brauchbare Fernverkehrsverbindungen zu sein. Vielleicht wollen manche ja genau das. Dann sollen sie es aber auch sagen. Leo