Lernen nicht im betulichen Getto, sondern durch die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit: Die Standards des "neuen" Kindergartens waren hoch. Aber die erfolgreiche Reform der vorschulischen Erziehung geriet in den Windschatten des politischen Interesses.

Lang ist’s her, da trafen sich in Hannover 6000 Erzieher, Sozialpädagogen, Politiker und auch Eltern, um gemeinsam über die Zukunft deutscher Vorschulerziehung zu diskutieren. Im Herbst 1970 begann der Auf- und Ausbruch aus einer Institution, die im Großen Brockhaus von 1955 noch so beschrieben wird: "In familienähnlichen Gemeinschaften wird kindertümliches Können und Wissen gepflegt ... In seiner einfachen Form enthält der Kindergarten zwei Spielräume für je 25 bis 40 Knaben und Mädchen, Kleiderablage mit Waschraum und Aborten ... Beste Belichtung und Besonnung ist unerläßlich." Für Belichtung und Besonnung ist wohl nach wie vor gesorgt im deutschen Kindergarten, aber ansonsten herrscht dort bald wieder, was Insider "tote Hose" nennen.

Es ist abermals still geworden um eine Einrichtung, die schon in den fünfzigern und bis weit in die sechziger Jahre hinein das betuliche Dasein einer oft konfessionell geprägten Bewahranstalt fristete. "Im Märzen der Bauer die Rößlein einspannt" – von Frühling-Sommer-Herbst-und-Winterpädagogik sprechen Erzieher heute spöttisch.

Ende der sechziger Jahre wurde der Kindergarten unsanft aus seinem Dornröschenschlaf erweckt. Die "Ausschöpfung von Begabungsreserven" stand an. Der Vorsprung der UdSSR im Weltraum rief westliche Bildungspolitiker auf den Plan. Georg Picht sprach damals von einer "deutschen Bildungskatastrophe", der Einhalt zu gebieten sei, schon im Vorschulbereich. Im Strukturplan des Deutschen Bildungsrates 1970, dem zu Unrecht fast vergessenen Beratungsgremium von Bund und Ländern, wurde der Kindergarten erstmals in seiner Geschichte als eigenständiger Bildungsbereich anerkannt. Im Bildungsbericht ’70, dem bildungspolitischen Vademecum der sozial-liberalen Koalition, dem dann freilich die Autoren selbst oft nur widerstrebend gefolgt sind, sollte die "Elementarerziehung zügig ausgebaut und die Zahl der Kindergartenplätze von ein auf zwei Millionen verdoppelt werden". Von "besonderer Priorität" für diesen Bildungsbereich war damals noch die Rede.

Ganz ist das Ziel nicht erreicht worden. 1970 gab es 1 160 000 Kindergartenplätze, 1980 waren es 235 000 mehr. Also keine gerade atemberaubende Steigerung. Zwar schicken mehr Eltern – dank intensiver Bildungswerbung – ihre Kinder in Kindergärten, aber keineswegs alle. 1982 war es nur die Hälfte aller Drei- bis Vierjährigen, bei den Fünf- bis Sechsjährigen lag der Anteil Dei 80 Prozent. Von insgesamt 75 Prozent aller Kinder zwischen drei und sechs Jahren gehen die Behörden aus.

Die Möglichkeiten sind also nicht ausgeschöpft. Und bedenkt man, daß vor allem Kinder der oberen und mittleren Einkommensschichten Kindergärten besuchen, aber nur 39 Prozent der Kinder aus Familien mit weniger oder gar keinem Einkommen sowie nur jedes zweites Kind ausländischer Arbeitnehmer, so liegt auf der Hand, daß Bildungschancen schon in der frühen Kindheit ungleich verteilt sind.

1975 bereits begann – Geburtenrückgang war das Alibi – der schleichende Abbau in einem Bereich, der gerade erst ein neues Profil gewinnen sollte. Denn Anfang der siebziger Jahre ging es nicht nur um mehr Plätze und mehr Erzieher. Es ging auch nicht mehr nur um frühes Lesen- und Schreibenlernen. Die Erziehungsmaxime der Antiautoritären 1968, die Welle der Kinderläden und Initiativen bremsten die drohende Kopflastigkeit im Elementarbereich und veränderten seine Provinzialität. Kinder als Teil der Gesellschaft. Gesellschaft als Teil des Kindergartens.