Als Jakarta noch Batavia war

Von Rüdiger Siebert

Sehr verlockend klang es nicht, was Kapitän James Cook unter dem 26. Dezember 1771 in sein Logbuch schrieb: "Batavia ist sicher kein Fleck, den zu besuchen Europäer sich drängen sollten." Der englische Südseepionier hinterließ die Erkenntnis allen nachfahrenden Generationen aus leidvoller Prüfung. Lecks an seinem berühmten Schiff "Endeavour" zwangen zu Ausbesserungsarbeiten in der südostasiatischen Hochburg der Holländer. Während dieser Wochen starben Dutzende seiner Männer an Ruhr und Malaria; und als endlich wieder Segel gesetzt werden konnten für die Heimreise gen Engeland, schien ein Alptraum überwunden zu sein. James Cook sprach sein Verdammungsurteil aus: "Es ist meine feste Überzeugung, daß die Luft Batavias für den Tod von mehr Europäern verantwortlich ist denn die Luft an irgendeinem anderen Platz des Globus."

Die Folgen solch ungesunder Verhältnisse sind im heutigen Jakarta nachlesbar geblieben. Nur ein paar hundert Meter vom Freiheitsplatz entfernt, Monas genannt, wo auf 128 Meter hohen Obelisken die indonesische Fackel des Sieges über dreieinhalb Jahrhunderte holländischer Bevormundung in Gold erstarrt ist, breitet sich ein Stück des einstigen Batavia aus, das vom frühen Sterben kündet. Was da vom alten Friedhof an der Straße Tanah Abang I übrigblieb, liest sich wie ein koloniales Geschichtsbuch mit Seiten aus Marmor, Granit und Gußeisen, verziert mit zerzausten Engeln, Totenköpfen und Wappen. Hier fanden sie ihre letzte Ruhe, die Mächtigen und die Reichen und die Möchtegern-Herrscher der holländischen Ära, die es alle so eilig hatten, mächtig und reich zu werden, weil ihnen so wenig Zeit dazu blieb. Mit 25 starben viele, und wer in betagterem Alter an diesen westlichen Ort der Insel Java kam, war von der Unrast getrieben, wie lange er wohl die Schätze des Orients ins eigene Säckel stecken könne.

Aus dem großen Friedhof wurde ein kleiner Park, Taman Prasasti genannt. Die weißen Blüten des Kambodscha-Baumes liegen verstreut im Gras. Ein schwül-süßer Duft durchdringt die Luft, die wenige Meter weiter vom Gestank der automobilen Abgase erfüllt ist und wohl auch deshalb längst keinen Europäer mehr mit der Besorgnis Cooks belastet. Jenseits des mit klassizistischen Säulen geschmückten Tores brandet das Leben der Sieben-Millionen-Metropole, liegt das Durcheinander von Tausenden Dörfern und Dutzenden Hochhäusern, von ewig verstopften "Schnell" Straßen und stinkenden Abwasserkanälen, von luxuriösen Villenvierteln und erbärmlichen Slums. Innerhalb der grünen Friedhofs-Oase bummelt der Spaziergänger im Schatten alter Bäume über Wege, die mit zerbrochenen Grabsteinen gepflastert sind und bei jedem Schritt "Batavia" entziffern lassen.

1619 schossen holländische Kanonen die Holzhäuser der Siedlung am Ciliwung-Fluß, die seit 1527 Jayakarta genannt worden war, in Schutt und Asche. "VOC" stand auf den Kanonen der Holländer, die berüchtigte Abkürzung jener Handelsgesellschaft, die schließlich den ganzen Archipel unter ihren Einfluß brachte: die Vereinigte Ostindische Companie. Die holländischen Eroberer tauften ihre strategische Neuerwerbung an der javanischen Nordwestküste in "Batavia" um. Mehr als drei Jahrhunderte blieben sie die Herren im Reich der 13 000 Inseln, bis sie nach langwierigem Kampf zum Ende der vierziger Jahre dieses ahrhunderts das koloniale Feld räumen mußten. Die indonesischen Herren tilgten das verhaßte Batavia von der Landkarte und erweckten den alten Namen zu neuem Leben.

Bis in die späten fünfziger Jahre war holländische Behäbigkeit atmosphärisch und architektonisch erhalten geblieben, dann ging sie unter in den Turbulenzen des politischen Umbruchs und wurde verschüttet durch jene urbane Explosion, die alle tropischen Metropolen heimgesucht hat. Jakarta ist eine besonders gesichtslose Dritte-Welt-Hauptstadt geworden. Im klimatisierten Luxus der modernen Hotelpaläste, die von Land und Leuten so arrogant fernhalten und in ihrer standardisierten Pracht weltweit austauschbar sind, überkommt den Besucher die Lust zur kolonialen Spurensuche.

Die Entdeckungsreise nach Batavia läßt sich im Taxi unternehmen oder im Kleinbus der touristischen Gruppe; doch wie das so ist bei Streifzügen durch die Winkel von vorgestern: Am spannendsten sind solche Vorstöße auf eigene Faust. In der Hand den Falk-Stadtplan Nr. 285, den es in Deutschland zu kaufen gibt, unterm Arm das verdienstvolle Werk des Jesuitenpaters Adolf Heuken – "Historical Sites of Jakarta –, das in Buchläden vor Ort ausliegt, so brechen wir auf.

Als Jakarta noch Batavia war

Als "Expeditionsfahrzeug" tut uns ein Bajai verläßliche Dienste; ein Bastard aus Fahrradrikscha und Motorrad mit einer Passagierkabine für zwei oder drei Menschen. Der Fahrer sitzt an der Lenkstange davor.

"Kota", die Altstadt, und "Sunda Kelapa", der Segelschiffhafen, geben die Richtung an. Das dreirädrige Bajaj bohrt sich in den Verkehrsstrom, jede Lücke zwischen den großen Fahrzeugen ausnutzend, und tuckert durch die Hinterhöfe der Hauptstadt, wo entlang der Bahngleise all die Slums wuchern, die der eiserne Besen des früheren Gouverneurs Al Sadikin aus dem Vorzeige-Zentrum rund um die Freiheitssäule vertrieben hatte. Wir lassen uns den Zweitakter-Gestank des seltsamen Taxis um die Nase blasen; das ratternde Gefährt wird zur Zeitmaschine, die in die Vergangenheit entführt.

Nach der Einkehr im Friedhof lohnt sich der erste Stopp schon einige hundert Meter weiter. Das langgestreckte, schmutzig-weiße Gebäude an der Jalan Maja Pahit würde beim flüchtigen Blick im Vorbeifahren kaum zum Verweilen einladen. Das Innenleben ist für die schäbig gewordene Fassade verantwortlich: Lagerhallen, Werkstätten, vereinnahmt von höchst gegenwärtigem Fleiß und Geschäftssinn, der sich nicht mit nostalgischen Erinnerungen abgeben kann. "Gedung Harmonie?" Der Halbwüchsige, der gerade einen Autoreifen aufpumpt, nickt und deutet mit lässiger Kopfbewegung auf das Durcheinander vor der verschlissenen Pracht von gestern. "Gedung Harmonie", wiederholt er, aber seiner Miene ist zu entnehmen, daß ihm die historische Bedeutung ziemlich schnuppe ist.

Hier traf sich einst unter Arkaden das feine Batavia. "Harmonie" war das Klubhaus, das erste derartige Gebäude in Südostasien, im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts errichtet, Schauplatz rauschender Feste, gesellschaftlicher Mittelpunkt für Mynheer und Mevrouw. Wo es heute nach Altöl, Fäulnis und Kleingewerbe riecht, wurden einst die Intrigen gesponnen und die Fäden kolonialer Macht geflochten – bis Unabhängigkeitsparolen des jungen Indonesiens in den großzügigvornehmen Hallen das Ende der Epoche signalisierten.

Wir biegen in die Jalan Gajah Mada ein. Auf der rechten Seite wird sie von einem Kanal begrenzt, einem jener Wasserläufe, den die Holländer nach heimischem Muster in die Erde Javas verlegten, nicht ahnend, daß sie damit zwar ein bißchen Amsterdam nach Batavia brachten, aber auch den Moskitos die Brutstätten erweiterten. Zwischen den modernen Geschäften und Schaufenstern mit dem elektronischen Industriekram vornehmlich japanischer Herkunft verbirgt sich unter der Hausnummer 111 auf der linken Straßenseite ein Kleinod: das Nationalarchiv, ehemals die Residenz von Gouverneuren, Handelsherren und Bankiers.

Zweigeschossig und strahlendweiß steht es unter hohem, rosigem Ziegeldach, die Fensterläden knallrot gestrichen, umgeben von einem gepflegten Park. Das letzte erhaltene Bürgerhaus dieser Art aus Batavias besten Tagen ist mehr als 200 Jahre alt und berühmt ob seiner Schnitzereien. Auf knarrenden Dielen und ächzenden Treppen treten wir in die Kühle des Hauses, begleitet von einem der jungen Archivbeamten, dem das Staunen der Gäste sichtlich Spaß macht. Der Reichtum vergangener Tage ist mit viel Kunstverstand und sensibler Restaurierung zu neuem Glanz gebracht worden.

Zwei Kilometer weiter in Richtung Küste treffen wir auf einen betulich wirkenden Bau mit Glockenturm, heute Stadtmuseum, früher ein Machtzentrum Niederländisch-Indiens. Die Herren Gouverneure, in langer Porträtgalerie zu sehen, verkörperten allesamt ein Stück von jenem Holland, das gerade seiner nationalen Eigenständigkeit sicher und der spanischen Gängelung endlich ledig geworden war und alsbald auszog, selbst in fernen Weltregionen mit Kanonen aufzutrumpfen und zu unterdrücken. Das Stadthaus mit seinen düsteren Treppenaufgängen und dunklem Mobiliar, das heute nach Bohnerwachs und Beize riecht, war der in Stein gehauene Regierungsanspruch der Holländer.

Als Jakarta noch Batavia war

Mit einheimischen Widersachern wurde nicht zimperlich verfahren. Die Wasserzellen unterhalb der Eingangstreppe haben die Zeiten überdauert. Darin mußten die Gefangenen in trüber Brühe wochenlang stehen; und in der stickigen Luft der Gefängniszellen im Souterrain fällt einem das Atmen noch heute schwer, obwohl wir den Raum nicht mit Dutzenden von Häftlingen teilen müssen.

Der Platz vor dem Stadthaus wirkt dagegen heiter und im Vergleich zur Hektik der Hauptstadt fast gemütlich: ein Viereck, noch immer oder wieder mit Pflastersteinen bedeckt. Ein paar alte Hausfassaden, darunter das Wayang-Museum und die weißen Säulen des ehemaligen Justizpalastes, dem heutigen Kunstmuseum, Bäume und ein Brunnenhäuschen in der Mitte, die Kanone von Si Jagur, von deren Berührung sich Frauen reichen Kindersegen erhofften – dieser Platz ist das letzte in sich geschlossene Stück vom alten Batavia.

Wir folgen den schachbrettartig angelegten Straßen und erreichen den schwarzen Kanal Kali Besar, der entlang der gleichnamigen Straße fließt. In seinem Wasser spiegeln sich die Fassaden alter Handelshäuser. Toko Merah, so benannt wegen seiner roten Backsteine, ist das älteste Gebäude, das aus dem frühen 18. Jahrhundert ansehnlich überdauerte. Im Stadthaus wurde die Politik gemacht, in einem Gebäude wie dem Toko Merah ging es um die Profite.

Wir betreten eine imposante Innenhalle. Alles in dunklem Holz gearbeitet, die Atmosphäre ist gedämpft. Schreibtische überall, doch wir haben keine Mühe, uns hier Stehpulte vorzustellen und die europäische Herkunft des ins Indonesische eingeflossenen Wortes "Kantor" zu verstehen. Hier mochte ein kühl rechnender Makler à la Batavus Droogstoppel geschachert haben, selbstgerecht und geizig, wie ihn der holländische Dichter Multatuli in seinem autobiographischen Roman "Max Havelaar" Ende des vorigen Jahrhunderts zur literarischen Spottfigur machte. Kein anderes Buch trug so wirkungsvoll dazu bei, das holländische Kolonialgebäude ins Wanken zu bringen.

Wenn man auf Vergleiche mit Amsterdam eingestimmt ist, dann drängt sich ein solcher bei der Zugbrücke über den Kali Besar geradezu auf. "Hühnermarktbrücke" wird sie genannt. Die Urbilder stehen im Amsterdamer Altstadtviertel noch heute. In Batavias letzten Winkeln wirkt die Eisenkonstruktion wie ein Museumsstück, das unwiederbringlich einzige. Für den Autoverkehr taugt die Zugbrücke nicht, weil ein paar Steinstufen an beiden Seiten hinaufführen. Doch als Marktplatz für die fliegenden Händler, die "Fünffüßigen", wie sie der Volksmund nennt, scheint sie ideal zu sein.

Von hier ist es nur noch ein paar Wegminuten weit bis zum ältesten Teil Batavias, wo die Bastionen ihre wehrhaften Mauern türmten und den Lagerhallen militärischen Schutz gaben. Die Festungen wurden längst dem Erdboden gleichgemacht, doch die weitausladenden Schuppen sind in Resten stehengeblieben. Wo der Fischmarkt liegt und Hunderte von Geschäften, Buden, Straßenständen ihren Platz haben, da ist eine der alten Hallen zum Museum hergerichtet worden: Bahari heißt es, eingemauert in die frühere Stadtbefestigung und vollgestopft mit Modellen alter Schiffe, Seekarten und Bildern. Vom restaurierten Wachturm daneben, der in seiner jetzigen Größe aus dem Jahre 1839 stammt, blicken wir auf schwarze Wasserarme, die sich um niedrige Markthallen legen und Fischerhäuser umschlingen wie in alten Tagen.

Über den roten Ziegeldächern der kleinen Häuser erhebt sich am Horizont die Hochhaussilhouette des modernen Jakarta; und entgegengesetzt, wo die Javasee beginnt, schwankt ein Wald von Segelschiffen im schwülen Wind. Dort liegt Sunda Kelapa, der Hafen, gleich neben dem Fischmarkt, wo sich seit Generationen kaum etwas gewandelt hat. An der mehrere hundert Meter langen Pier haben Segelschiffe festgemacht. 30, 40, an manchen Tagen mehr als 50. Die Schiffswände der dickbauchigen Prahus, so deren malaiischer Name, leuchten in kräftigen Farben. Bauweise und handfeste Verarbeitung zeugen von jahrhundertelanger Tradition. Die Buginesen zimmern solche Segelschiffe noch heute nach Urväter Brauch aus unverwüstlichem Eisenholz. Während die Fracht gelöscht wird, Holzstämme zumeist, pinseln und hämmern und kalfatern die Männer der Crews.

In Sunda Kelapa riecht es nach Abenteuer; und im Wind knattern Segel, die hier schon aufgezogen wurden, lange bevor die Holländer ihre Stiefel auf den morastigen Boden setzten, den sie Batavia nannten.