Beim Wiederaufbau scheint Kulturpolitik am wichtigsten gewesen zu sein – Das Schlagwort von der "Stunde Null"

Von Helmut Dotterweich

Besonders ausgeprägt war nach der langen Schreckenszeit des Krieges das religiöse Bedürfnis der Bevölkerung meint die Bearbeiterin des Kapitels "Theaterleben" in dem hier anzuzeigenden Sammelwerk über die Nachkriegszeit in München. Sie will damit eine Erklärung geben für die Inszenierung des Jesuitendramas "Die erste Legion" von Emmet Lavery an den Münchner Kammerspielen. Harry Buckwitz, damals Verwaltungsdirektor des Theaters, weiß es freilich ganz anders: Man hatte ein amerikanisches Stück inszeniert, "Frauen in New York", bei dem sämtliche Damen des Ensembles mitzuwirken hatten, und nur sie, und stand nun vor dem Problem, wie die Herren Schauspieler beschäftigen. Da kam das Jesuitenstück wie gerufen.

Wer es unternimmt, Geschichte im Detail zu schildern, wird, und zwar nicht nur, weil er – wie im vorliegenden Fall – als zu jung nicht dabeigewesen sein kann, vor Fehlinterpretationen und Fallstricken solcher Art nie sicher sein. Zur Ehre der zahlreichen Mitarbeiter an der Erforschung der Münchner "Trümmerzeit" muß aber gleich gesagt werden, daß derartige Webfehler im kleinen die Erkenntnisse nicht schmälern, die dieses großangelegte Kaleidoskop bietet, in dem zum ersten Mal die Verhältnisse einer deutschen Großstadt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg breit und vielfältig vor Augen geführt werden:

Friedrich Prinz (Herausgeber): "Trümmerzeit in München. Kultur und Gesellschaft einer deutschen Großstadt im Aufbruch 1945-1949"; Verlag C.H. Beck, München 1984, 460 S., 180 Abbildungen, 48,– DM.

Friedrich Prinz, Professor für mittelalterliche Geschichte und vergleichende Landesgeschichte an der Münchner Universität, ließ an diesem Werk zahlreiche Mitarbeiter seines Seminars schreiben, junge Leute also, die sich nicht mehr auf eigene Erfahrungen stützen können und an eine solche Aufgabe genauso herangehen wie an ein Thema des 19. oder des 9. Jahrhunderts. Der einzige Unterschied besteht darin, daß die oral history mit einbezogen werden konnte, Interviews mit überlebenden Zeitgenossen. Der Eifer, mit dem eine wichtige Phase der Eltern- und Großelterngeneration ausgeforscht wurde, ist jedoch mit einer gewissen Sperrigkeit gepaart, die Schülerarbeiten nun einmal anhaftet. Dagegen ist nichts einzuwenden. Weniger zu tolerieren aber ist die Unsitte der Vielschreiberei, die inzwischen zu einem Merkmal fast aller Geisteswissenschaft geworden ist, so wie das ermüdende Wiederholen des bereits Gesagten, so, als ob man dem Leser nicht zutraut, das einmal Gesagte beim ersten Mal zu erfassen und auch zu behalten. Hinzu kommen Überschneidungen, die entweder bei der Disposition vorsorglich oder nachträglich bei der Redaktion hätten vermieden werden können.

Bei der Anlage des Ganzen fällt auf, daß den Themen, die man als die eigentlich brisanten jener Jahre vermutet, der Ernährung, der Wohnungsnot, der Trümmerbeseitigung, der, Heizung, der Kleidung oder dem Flüchtlingselend, also den Grundbedingungen des Lebens, verhältnismäßig wenig Raum gewidmet ist, ganze 60 Seiten in dem 460 Seiten umfassenden Band, während alles das, was für jene Jahre als überflüssig oder zumindest als Marginalie vermutet werden kann, als die Hauptsache erscheint: Kulturpolitik, Denkmalpflege, Kunst, Wissenschaft, Volksbildung, Musik und Theater, Literatur, Presse und Verlagswesen. Ein Bekenntnis zum Geistigen, das überrascht angesichts der immer noch florierenden These, daß nichts interessanter sei und der Geschichtsforschung angemessener als das alltägliche Leben, vornehmlich der kleinen Leute.