Wichtige Veränderungen finden außerhalb der Ministerien statt

Von Jürgen Zimmer

Oh, Jammer? Die Bildungsreform ist tot? Falsch. Sie läuft weiter, nein, nicht so sehr nach rückwärts, sondern eher da lang, wo ein bildungspolitisches Vakuum herrscht. Reformen – oder sagen wir besser: Veränderungen – finden gegenwärtig ohne Bildungspolitik statt.

Die Kultusminister erfüllen ihre Hausaufgaben nicht, und wahrscheinlich sind sie damit auch überfordert. Sie bewältigen nicht im Ansatz das Problem des tiefgreifenden strukturellen Wandels gesellschaftlicher Anforderungen – die berufliche Bildung reagiert mit gehörigem Verzug erst dann, wenn die Betriebe die neuen Ausbildungen längst in ihrem Sinne organisiert haben. Sie wissen nicht mehr, was allgemeinbildende Schulen in einer Weit leisten sollen, die verkabelt wird, der die Lohnarbeit ausgeht und die Wälder sterben. Sie sind hilflos gegenüber dem Sachverhalt, daß große Teile der Studenten nicht mehr das werden können, was sie wollen, und sich mit Verlegenheitsfächern der dritten Wahl begnügen müssen. Sie hoffen auf freiwillige Teilzeitarbeit verbeamteter Lehrer, ohne der Lehrerarbeitslosigkeit Einhalt gebieten zu können. Sie müssen Jugendliche aus den Schulen entlassen, ohne ihnen klare Perspektiven, jedenfalls mehr als verbrämt sozialdarwinistische Rezepte, mitgeben zu können.

Während – im Bild – die Kultusminister am Strand Allotria treiben, laufen weiter draußen große Grundwellen auf, ist Bewegung zu spüren, herrscht steifer Wind. Es sind die "obwaltenden Umstände", von denen Ralf Dahrendorf an dieser Stelle (ZEIT Nr. 20) geschrieben hat. Nun könnte man ja Politik als Surfen verstehen: auf der Welle reiten und so tun, als hätte man sie selbst bewirkt. Oder die Kultusminister könnten – noch besser – Wellenbrecher bauen, Kanäle anlegen, antrotzen. Aber schaut man die täglichen Verlautbarungen der Minister und Senatoren durch, scheint eine Hauptbeschäftigung darin zu bestehen, Preise an Schüler zu verteilen, die Formalisierung des Berechtigungswesens fortzuentwickeln oder Ankündigungspolitik zu betreiben (nach dem Muster: eine Idee bekanntgeben, sie nicht durchsetzen und damit rechnen, daß nach ein paar Wochen alles wieder vergessen ist). Ansonsten exekutieren sie, was der Zeitgeist ins Haus bringt, demontieren Bafög und Bundeskompetenzen oder schließen Schulen.

Auf neue Anforderungen und verschärften Konkurrenzkampf reagieren sie mit der Bewegung "back to tne basics", mit dem Rekurs auf die "stocksoliden Kenntnisse" des Schreibens und Lesens, oder sie vollführen Kürbewegungen rings um die sich gleichsam von selbst vollziehende Mediatisierung der Kindheit, den Einbruch von Computern in die Schulen. Auf den Wandel der Arbeitswelt vorbereiten, die Umverteilung noch vorhandener Arbeit beeinflussen können sie damit nicht.

Große Bildungspolitik gibt es nicht mehr. Vorbei die Zeiten, in denen ein hessischer Kultusminister auf einen Schlag Gesamtschulen durchzusetzen versuchte oder sich die Nation in der Diskussion über Rahmenrichtlinien erhitzte, als großePolitik sich auch kardinale taktische Fehler leistete und sozial-liberale Bildungspolitiker, Lehrer, ja sogar Teile der Bildungsverwaltung meinten, sie seien die Avantgarde gesellschaftlichen Wandels. Die Politik des Kleinklein ist geblieben. Und trotzdem – das Bildungswesen verändert sich, zum Beispiel: