In Amerika hat es einmal eine Zeit gegeben, da kamen, als altmodisches Gerümpel, die Lockenten ins Kaminfeuer und die vieltausendfach gestichelten Quilts in den Hundekorb. Um 1910 jedoch begann die Gegenströmung: In der Ausdruckskraft und dem Einfallsreichtum seiner Volkskunst begann man den Geist seiner Herkunft und die Möglichkeiten seiner Kunst zu entdecken. So versammelte sich in New York, um die Mäzenatin Gertrud Vanderbilt Whitney, ein Künstler-Club, dessen erste Ausstellung etwas zum Abfall Erklärten galt: hölzernen, bemalten Spielzeugtieren – einmal die einzig erlaubte Sonntagszerstreuung für die Kinder eines gottesfürchtigen Amerika.

Aus dem Club wurde das Museum, aber seinen Ursprüngen blieb es treu: Es sammelte und stellte Wirtshausschilder aus, Galionsfiguren, doch noch zu Ehren gekommene Patchwork-Quilts, Wetterfahnen (die etwas für den alten Stechlin gewesen wären), Windräder, Kaminbretter, Truhen. Später hat das Museum in großen Retrospektiven die amerikanische Moderne vorgestellt (jüngst Edward Hopper, de Koonig) – und es ist gerade ein Werk dieser Moderne, das den Bogen zurück zum Beginn schlägt: Calder’s Circus.

Seine Geschichte beginnt damit, daß ein junger, unbekannter Mann (der erst sehr viel später Wetterfahne und Windrad in die Bewegungskunst seiner Mobiles übersetzen sollte) von seiner Zeitung, der National Police Gazette, in den Zirkus, den berühmten Bros. Barnum & Bailey Circus, geschickt wird.

Ob je eine Reportage daraus wurde – sicher ist nur: Alexander Calder hat sofort nach seinem Besuch damit begonnen, sich einen eigenen Zirkus en miniature aufzubauen. Er hat sechs Jahre daran gearbeitet und vieles konnte er dabei vor dem Müll retten, weil er alles brauchte: Korken, Garn, Schnüre, Bleche, Draht, Flaschendeckel, Stoffe, Packpapier.

Heute ist Calder’s Circus eine Dauerausstellung im Whitney. Calder selber hat noch – ein letztes Mal – die 55 Figuren, das Zelt, die Tiere und ihre Käfige, Manege und Trapez in einem weiten Rund angeordnet.

Marlies Nothaft

Whitney Museum of American Art, Madison Ave. – 75ste Straße. Geöffnet täglich außer montags. Dienstag 11 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Samstag 11 bis 18 Uhr, sonntags 12 bis 18 Uhr. Für diesen Besuch, auch mit Kindern, empfiehlt sich der Dienstag; ab 18 Uhr ist der Eintritt frei.