Vergliche man die Zahl der Künstler, die sich leidenschaftlich um Politik kümmern, mit den Politikern, die sich leidenschaftlich für Kunst interessieren – wer würde da triumphieren? Jedenfalls wissen wir, daß am vergangenen Freitag niemals mehr als vierzig, fünfzig Abgeordnete im Plenarsaal des Bundestages zugebracht haben, fünfzig von fünfhundertzwanzig. Und auf den Bänken der Bundes- und der Länderregierungen war nicht zu fürchten, daß man sich dort um die Plätze balgte.

Vielleicht hatte Alfred Dregger das ganz große Interesse der Künstler und das ganz, ganz kleine hier im "Hohen Hause" im Kopf, als er seine Rede mit einer unübertrefflich platten Zurechtweisung füllte. Weiß der Himmel, was die Regierungsfraktionen sich gedacht hatten, daß sie ausgerechnet einem so groben Denker die Eröffnungsrede ließen, jemandem, der die Politik den Künstlern entziehen will.

Er hält es ja für "unzulässig, wenn eine allein künstlerisch ausgewiesene Autorität ohne weiteres aktuelle politische Kompetenz beansprucht". Das wäre ja noch schöner, wenn der vorlaute Souverän sich dreist in das Metier der Berufspolitiker einmischte und obendrein einen berühmten Künstlernamen dazu mißbrauchte, "zu einer irrationalen Hysterie" beizutragen oder, wie in Mutlangen, gar "durch physische Einwirkung" eine bestimmte Politik aufzuhalten versucht. Hätten, so gab der CDU-Politiker zu bedenken, denn nicht inkompetente Künstler 1932 in großer Zahl die Wahlliste der Nazis unterstützt? Und hätten sie sich nicht vor ein paar Jahren erst von der "heutigen Medienoligarchie" in das "Literaturkartell" der Gruppe 47 treiben lassen und dann rüde "einen beachtlichen Teil des Literaturbetriebes" einfach ausschließen lassen?

Nein, Alfred Dregger hat das alles gar nicht ironisch gemeint, sondern mit der ganzen Kraft seiner kalkrieselnden Oberschulbildung (die auf komische Art mit Namen wie Schubert, Velasquez, Schiller und Schinkel kokettierte) bitterernst. Die Regierung hatte den denkbar schlechtesten Propagandisten ihrer Politik bei dieser Eröffnungsrede gehabt – einen Inkompetenten. Dabei wurde diese Rede nicht auf irgendeiner Routinesitzung gehalten, sondern in der ersten Debatte seit achtzig Jahren, in der ein deutsches Parlament über die Kulturpolitik der Regierung stritt, vier Stunden lang.

Wie fremd das Thema in Bonn gewesen ist, zeigte sich in vielem: Die Regierung mußte weit über ein Jahr zur Antwort auf die Großen Anfragen zuerst der SPD, dann der Koalitionsfraktion genötigt werden; die Parlamentarier hatten viel zuviel Fragen aufgetürmt und damit unweigerlich den Blick auf die wahrhaft drängenden und drückenden Themen verwirrt; die Regierung antwortete so weitschweifig und oft so vage, daß Probleme verschleiert oder verniedlicht wurden. So hielt sich auch kaum ein Redner an das, was die Regierung geantwortet hatte; die meisten blieben bei der allgemeinen Polemik, wie erfrischend sie dann und wann auch anzuhören war.

Die wichtigen Themen verlepperten sich: das Steuerrecht als die eigentliche kunstfördernde Domäne des Bundes; die auswärtige Kulturpolitik, die Verteidigung ihrer liberalen Vielfalt (am deutlichsten von Hildegard Hamm-Brücher), die Kultur der Ausländer unter uns. Und fast nur angetippt wurde die Politik der "neuen Medien": Man mästerden Teufel – das schafft Arbeitsplätze – und begnügt sich mit dem Hinweis, daß wir uns seiner allerdings demnächst erwehren müssen.

Mit einer erstaunlichen Naivität feierte der CDU-Abgeordnete Dieter Weirich die Medienzukunft: Bald würden doppelt soviel Künstler wie die 95 000 von heute gebraucht werden; in zehn Jahren werde die Film- und Fernsehprogramm-Industrie nicht fünftausend Stunden, sondern hundertmal so viel produzieren müssen; 1990 könne man dreißig Kabelprogramme mit anderthalb Millionen Stunden erwarten. Weg von der Medien-Klagemauer! rief der Abgeordnete. Fast zu sachte klang da die Kritik seiner Parteigenossin Helga Wex, die an die jetzt schon drei Millionen Analphabeten erinnerte, an die unendliche Sprachverarmung, die uns jetzt schon zu schaffen mache, die entmündigende Wirkung des Fernsehens und seiner standardisierten Einheitskultur. Und natürlich wurde zur Entschuldigung immer wieder "die schwierige Haushaltslage" bemüht. Aus Frankreich kommt gerade die Nachricht, daß, der Krise mutig trotzend, der Kulturhaushalt der Regierung noch einmal kräftig erhöht werde, um sechseinhalb Prozent. Manfred Sack