Von Detlef Jens

Der Trick ist so alt, daß ihn eigentlich jeder kennen müßte, aber deshalb fällt er vielleicht auch gar nicht weiter auf. Erfunden haben ihn vermutlich die Engländer: Nach elf Uhr abends, wenn es in keiner normalen Kneipe mehr etwas zu trinken gibt, wird in den diversen Klubs um so heftiger gebechert. Was man in der Öffentlichkeit nicht tun darf, kann in Klubs jeglicher Art ungestraft stattfinden.

Hierzulande wurde diese Masche von Eignern solcher segelnden Charterschiffe übernommen, die zwar unter deutscher Flagge laufen, aber die damit normalerweise verbundenen hohen Sicherheitsauflagen nicht erfüllen können. So wird das "Vereinsschiff" zur praktikablen Alternative zum Ausflaggen.

Die "Anny von Hamburg" beispielsweise ist ein herrlicher alter Dreimastschoner, der, mit deutscher Flagge und deutschem Kapitän ausgestattet, Urlaubstörns im Mittelmeer und, zu dieser Jahreszeit, in der Karibik fährt. Im Reiseprospekt der "Anny" steht dabei folgender Satz: "Mit Ihrer Buchung werden Sie Mitglied in der Regattavereinigung Germania e. V." – gleichzeitig offizieller Eigner des Schiffes – "für das laufende Kalenderjahr. Die Mitgliedschaft ist bereits im Reisepreis includiert".

Ähnlich liest es sich auch in den Unterlagen der "Thor Heyerdahl", einem größeren, kaum minder schönen Dreimaster, der zur Zeit unterwegs ist in sein Winterrevier Kanarische Inseln, wo ein- und zweiwöchige Urlaubstörns stattfinden. Die Törnteilnehmer werden auch hier automatisch zu Mitgliedern des entsprechenden Klubs – hier ist es der Verein "Thor Heyerdahl e. V." –, jedoch muß die Mitgliedschaft mit 50 Mark (bzw. 25 Mark für Schüler und Studenten) extra bezahlt werden. Kaum nötig zu erwähnen, daß auch die "Thor Heyerdahl" unter deutscher Flagge und Kapitän segelt und daß sie, wäre sie kein "Vereinsschiff", de facto sämtliche Vorschriften der "Schiffs-Sicherheitsverordnung" und der Seeberufsgenossenschaft erfüllen müßte, die für sie genauso gelten wie für große Schiffe wie beispielsweise die "Europa".

Daß dies allerdings ein Ding der Unmöglichkeit ist, wissen auch die zuständigen Herren in der Seeberufsgenossenschaft. "Das Problem", so ein Sprecher, "sind in der Regel. nicht die Ausrüstungs- oder Bemannungsvorschriften, sondern die erforderlichen baulichen Maßnahmen an den Schiffen." Zu diesen Maßnahmen gehören etwa zusätzliche Schotten zum Leck- oder Brandschutz, die nachträglich eingebaut werden müßten. Daß dies nicht nur teuer, sondern in vielen Fällen gar nicht möglich ist, leuchtet ein, wenn man bedenkt, daß die "Anny" 1914 und die "Thor Heyerdahl" 1930 gebaut wurden. Damals dachte man an solche Sicherheitsmaßnahmen, wie sie heute gefordert werden, noch nicht. So würde heute ein entsprechender Umbau, falls überhaupt möglich, unverhältnismäßig hohe Mittel verschlingen.

Die Seeberufsgenossenschaft zeigt sich in dieser Frage denn auch erfrischend liberal: "Die Rechtskonstruktion ist im Moment legal. Werden diese Vereine durch das Finanzamt von der Körperschaftssteuer befreit, genügt uns das als Beweis, daß die Schiffe nicht gewerbsmäßig betrieben werden, sondern eben tatsächlich als Klubschiffe laufen." Und das, obschon viele "Klubschiffe" durch Reisebüros und bunte Hochglanzprospekte auf dem Reisemarkt angeboten werden. Die Frage, ob dies bereits ein ausreichendes Indiz für eine gewerbliche Nutzung wäre, dürfte zumindest diskutierbar sein, aber: "Die Frage stellt sich für uns einfach – wollen wir diese Segelschiffe an die Kette legen oder nicht?"