Von Fritz J. Raddatz

Ist Tod Abschied oder der große Beginn; Aufbruch ins Unbekannte, Unbenannte, Unbenennbare? Treffen wir uns, finden wir uns – verlieren wir uns? Sterben als Versinken oder als Aufsteigen: einer der großen Dispute, über die Jahrtausende der menschlichen Kultur hinweg; vorangetrieben nicht nur von Moraltheologen und Philosophen, sondern ganz wesentlich auch von Schriftstellern.

Fast jeder Schriftsteller, der über einen Freund, Weggefährten oder auch Gegner – wie Heine "über" Börne – sinniert, skizziert zugleich sich selber: eigene Lebenslinien, Sehnsüchte, zerbrochene Hoffnungen, Lüste und Ängste. Diese letzte Begegnung mit einem anderen ist stets ein helles Stück Selbsterkenntnis. Auf verwinkelte Weise spricht ja jeder Schriftsteller in seinen Figuren von sich – vom "Werther" bis zur "Erinnerung an die Marie A."; und ist doch nie identisch mit seinen Geschöpfen. Man kennt ja die schöne Szene aus Thomas Manns Schmerzensbuch "Lotte in Weimar", in der Goethes Sohn, den Vater an der Arbeit an "Dichtung und Wahrheit" wähnend, die Bibliothek betritt und auf seine Frage die eher unwirsche Antwort erhält: "Autobiographie ist alles."

Das ist das zweite Element von Trauer: das Autobiographische im Spiegel des jeweils anderen; bei Schriftsteller-Nachrufen noch doppelt gebrochen; hat man etwa noch eben Herder über Lessing gehört, ist es wenig später Jean Paul über Herder und wiederum darauf Börne über Jean Paul. Tabu-Thema Tod? Es ist jene Zone, die der Normalbürger meidet, und in der der Künstler haust sein lebelang. Neben der Kraft und dem Hochmut des Schöpferischen wohnt allemal der Zweifel, das große Vergebens: Vom mittelalterlichen "Frau-Welt"-Bildnis, das vorne das verlockende Weib zeigt und hinten das grinsende Gerippe, bis zu Günter Grass’ Rede auf Dürers "Melencolia" – es ist das große Thema der Kunst. Kein kreativer Mensch, der nicht ganz früh, ganz intensiv mit Gevatter Tod lebte, ihn bannte, indem er einen "Werther" schrieb, ihn überwand nach Selbstmordversuchen (wie Johannes R. Becher oder Aragon), ihn suchte und fand wie Stefan Zweig, Klaus Mann oder Ernest Hemingway. Schreiben – das heißt nicht nur "sein Herz waschen", wie es Thomas Mann einmal nannte; das heißt auch ankämpfen gegen das ausrinnende Stundenglas – und wissen "für uns ist der Tisch nicht gedeckt / ... von uns bleibt bloß / etwas Liebe / ein Kind / und ein Lied / von uns bleibt bloß / jene Rose, die auf uns verblüht / von uns bleibt bloß / etwas Staub auf den Schuhn / und ein Lied". Diese Verse Günther Weisenborns in der unvergeßlichen Vertonung durch Boris Blacher benennen den Vorgang: was – vielleicht – bleibt, ist "ein Lied". Das Kunstwerk als dem Tode abgetrotzt. Da liegt ein schwer zu entschlüsselndes Geheimnis; nicht nur die auffällige Metapher "Rose", die immer und immer wieder auftaucht, geht die Rede vom Tod – berühmtestes Beispiel der von Rilke selbstgewählte Grabspruch: "Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern".

Der ganz und gar abgründige, nahezu fetischhafte Umgang mit Tod ist in einem Bild der klassischen Moderne (und seiner Entschlüsselung durch den Maler) manifest geworden – das Bannen des Todes, indem man ihn künstlerisch "dingfest" macht und sein Herbeirufen zugleich, wie durch einen Zauberspruch; durch das Formalisieren ist er auch "angehalten" – der Prozeß zu Verfall und Staub ist auf magische Weise zum Stillstand gezwungen: der gemalte Tod findet sozusagen gar nicht statt. Es ist jenes Beschwörungsritual, das wir etwa aus dem "Laokoon" kennen, jene heikle Balance aus Bewegung und Stillstand.

Der Maler Hundertwasser – der so gut wie nie Porträts entwirft – porträtierte seinen Freund, den neosurrealistischen Wiener Dichter Konrad Bayer. Zu Lebzeiten als Leiche. Hundertwasser schildert diese Bildzeremonie: "Dieses Bild hatte ich vorläufig HANA NO HANA genannt. Die Nase heißt auf japanisch HANA und die Blume heißt auch HANA. Ich weiß das so genau, weil Juuko Japanerin ist. Ich habe das Bild am 23. August auf Schloß Hagenberg gemalt, beim Herd im Kleinen Zimmer von Pahdi, während Konrad Bayer und die anderen mit viel Musik in den oberen Sälen waren. Nachher gingen wir alle auf einen Kirtag.

Es war Sonntag. Ich war einen Tag da. Am nächsten Tag fuhr ich weg. Konrad war am 6. September bei mir in Venedig. Ich habe ihm das fertige Bild gezeigt. Es hat ihm gefallen. Er wußte nicht, daß es seinen Tod darstellt. Ich auch nicht. Jetzt, da Konrad Bayer nicht mehr lebt, muß ich feststellen, daß dieses Bild seinen Tod vorausgenommen hat. Auch die Todesart.