Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im November

Im Grunde hat er schon immer zur Regierung gehört. Wenn es eine Strichliste gäbe, wer am häufigsten im Kanzleramt ein- und ausgeht – Wolfgang Schäuble hätte sie mit Abstand angeführt. Die Grenzschutzposten an der Pforte blickten kaum noch hoch. Ein Zipfel dieser Doppelexistenz des Parlamentariers und Kanzlerberaters Schäuble ist, vor aller Augen, auch im Plenarsaal des Bundestages sichtbar geworden. Helmut Kohl und sein Adlatus im Zwiegespräch auf einer der hinteren Bänke: das war ein vertrautes Bild.

So ändern sich in mancher Hinsicht nur die äußeren Umstände, wenn Schäuble jetzt in der Regierungszentrale die Zügel in die Hand nimmt. Er ist in ein Amt berufen worden, dessen Arbeit und Entscheidungen er schon immer erheblich beeinflußt hat. Allerdings ist dieser Einfluß nun nicht nur formalisiert, sondern auch noch zu einer Machtfülle vermehrt worden, die vielen als Übermaß erscheint.

Über die Herkulesarbeit, die ihn erwartet und von ihm erwartet wird, täuscht sich auch Wolfgang Schäuble bei allem offenbar unverwüstlichen Selbstbewußtsein nicht. In mancher Stunde vor seiner Berufung hat er sich wohl gewünscht, der Kelch möge an ihm vorübergehen. Ein reiner Machtmensch ist er nicht, und einen Rest von Privatleben hat er sich stets zu bewahren versucht. Könnte er noch einmal wählen, würde er sogar nicht mehr "so voll" in die Politik einsteigen – was heißt: nicht so früh, denn "man tut der Frau ja was an".

Aber andererseits war der Schritt auf den ersten Platz nach dem Kanzler, jenseits der offiziellen Kabinettshierarchie, so folgerichtig geworden, daß er sich kaum noch verweigern ließ – nicht zu reden davon, daß sich ein Zurückschrecken kaum mit dem Selbstverständnis des Politikers Schäuble vertragen hätte. Also setzte er alles auf eine Karte und schlug Kapital daraus, daß er mehr ein Umworbener als ein Bewerber war. Er werde einschlagen, sagte er dem Kanzler, wenn er die nötigen Kompetenzen erhalte. Nun hat er sie.

Wie das alles über die Jahre hinweg gekommen ist, das weiß eigentlich auch Schäuble nicht so recht zu erklären. Um die Aufstellung im sicheren Wahlkreis Offenburg hat sich der frischgebackene Doktor der Rechte 1972, damals gerade knapp dreißig Jahre alt und erst seit 1965 CDU-Mitglied, ohne sonderliche Hoffnung beworben. Aber er wurde Kandidat, gegen starke Konkürrenz. Im bedeutungslosen Sportausschuß des Bundestages fing er an. Im Finanzausschuß, der ebensowenig im Rampenlicht steht, erwarb sich der Regierungsrat aus der baden-württembergischen Steuerverwaltung internes Ansehen. Sonst aber war Schäuble allenfalls als lautstarker Mittelfeldspieler der parlamentarischen Fußballmannschaft bekannt. Bonn nahm von ihm zum ersten Mal 1974 bei seiner Rede zu den Befunden des Steiner/Wienand-Untersuchungsausschusses Notiz, die den damaligen Fraktionsvorsitzenden Carstens freilich schon so begeisterte, daß er vorschlug, sie zur Schallplatte pressen zu lassen.