Eduardo Paolozzi beschäftigte sich in der 1965 entstandenen Serie von Siebdrucken "As is When" mit Leben und Werk des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Eines der Blätter trägt den Titel "Erfahrung" (und bezieht sich auf die frühen Tagebücher), ein zweites bezeichnet "Wirklichkeit" und hat den "Tractatus Logico-Philosophicus" zum Gegenstand. Die beiden Arbeiten, die in der Mappe unmittelbar aufeinanderfolgen, veranschaulichen die Systematisierung von Wittgensteins Gedankengängen. Paolozzi, der auch hier auf ein in jenen Jahren oft benutztes Repertoire von geometrisch-abstrakten Mustern zurückgreift, versuchte erst gar nicht, den Inhalt der Texte zu kommentieren und beschränkte sich auf die Entsprechung von Text-Gestalt und Bild-Gestalt.

Die Tagebücher, die das Rohmaterial enthalten, aus der Wittgenstein den "Tractatus" formte, verstand Paolozzi als einen Text im Zustand der Unordnung, der sich langsam auf eine Ordnung zubewegte, und so sind auf diesem Blatt die Elemente bereits in Streifen übereinandergeordnet, innerhalb der horizontalen Bänder auch in eine Beziehung gebracht, das Puzzle paßt aber noch nicht zusammen, weil die Formen in der Vertikalen nicht deckungsgleich sind, die Verbindung von oben nach unten erst andeutungsweise gelöst ist. Anders auf dem Blatt, das vom "Tractatus" selbst angeregt ist. Diesmal entsteht aus den Teilen ein geschlossenes Bildfeld, das im Gleichgewicht ist. Die Formen, aus denen das Bild sich zusammensetzt, sind zwar wie Monaden, in Kästchen voneinander isoliert, durch den Bildaufbau aber, dem die Vorstellung der Gleichwertigkeit aller Teile zugrunde liegt, in ein übergreifendes Raster einbezogen. Das ist der Zustand der Ordnung, der den inneren Zusammenhang der Überlegungen im "Tractatus" spiegelt.

So, wie Paolozzi mit seinen bildnerischen Mitteln Erfahrung und Wirklichkeit darstellt, stehen die beiden in einem bemerkenswerten Verhältnis zueinander: Er bringt Erfahrung in Verbindung mit einer offenen und dynamischen Struktur, Wirklichkeit dagegen mit einer einheitlichen und statischen, die erkauft ist mit einem Verlust an Vielfalt. Daß Paolozzi Erfahrung gleichsetzt mit Mehrdeutigkeit und Gestalthaftem, Wirklichkeit mit Eindeutigkeit und Gestalt verwundert nicht, wenn man die Zitate aus dem "Tractatus" liest, die der Künstler auf den Rand des Blattes hat drucken lassen. Es heißt da "Die gesamte Wirklichkeit ist die Welt" und "Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit" und weiter "Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes", "Das Bild besteht darin, daß sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zueinander verhalten" und schließlich: "Das Bild ist eine Tatsache".

Es geht Paolozzi also um die Wirklichkeit, nicht um die subjektive Erfahrung, sondern um eine Wirklichkeit, für die das Bild, dessen Elemente die Gegenstände vertreten, ein Modell ist. Mit anderen Worten, er übersetzt eine Logik, die sich auf Sprache bezieht, in eine Logik, die sich auf das Bild bezieht. Die Wirklichkeit, die Paolozzi im Auge hat, ist allerdings nicht die unmittelbar erlebte, sondern eine schon durch Bilder vermittelte. Er hat als einer der ersten überhaupt begriffen, daß die Bilder aus den Medien (die davon berichten, was in der Wirklichkeit passiert, die zugleich diese Wirklichkeit nur in einem Ausschnitt zeigen, der sie entstellt) sich dem Bewußtsein weit stärker einprägen, als man das, die Werbefachleute ausgenommen, lange Zeit glaubte.

1952 hat Paolozzi in London einen Lichtbildervortrag gehalten, bei dem er die Bilder, die er gesammelt hatte, vorführte, nicht einzeln, sondern bereits in Form von Collagen. Der Titel des Vortrags war "Bunk", also "Unsinn" und das war ironisch gemeint, denn das Material, das er präsentierte, war damals noch nicht kunstfähig. Es handelte sich um Abbildungen aus Illustrierten und anderen Druckerzeugnissen, die er so zusammengestellt hatte, daß sich eine Ikonographie der Massenkultur in Umrissen abzeichnete. Das war, wenn man will, die Geburtsstunde der Pop-art. Paolozzi hat sich aber nie als Pop-Künstler verstanden.

Sein Umgang mit den Bildern, die er verwendete, war nicht bestimmt von der Absicht, neue Bilder aus vorhandenen herzustellen, er wollte etwas mitteilen über das Zustandekommen, und die Wirkungsweise von solchen Bildern, die er als Symbole von gesellschaftlichen Sachverhalten erkannt hatte. Sein Interesse galt nicht in erster Linie der Möglichkeit künstlerischer Verwertung von Images, für ihn war der Kontext entscheidend, in dem diese wahrgenommen wurden. Ihn interessierte die Wechselwirkung zwischen der gesellschaftlichen Wirklichkeit und den Bildern, die sie produziert.

Aus diesem Grund bedeutet für Paolozzi das Prinzip Collage – und im Prinzip ist alles, was er macht Collage – nicht eine Technik zur Herstellung von Kunst, sondern eine Methode zur Interpretation von Wirklichkeit. Er hat in einem Interview mit Richard Hamilton darauf hingewiesen, daß auch ein Schiff, ein Flugzeug, ein Auto aus verschiedenen Bestandteilen gefertigt sind. Er betrachtet die Collage also unter dem Gesichtspunkt ihrer Analogie zur technischen Konstruktion, sie wird für ihn zu einer Metapher unserer Zeit.