Nehmen wir zum Beispiel Martin, einen blassen, stillen, etwas schüchternen Vierzehnjährigen in T-Shirt, Jeans und den unvermeidlichen Turnschuhen. Er wohnt mit seinen Eltern in einem Reihenhaus mit Garten am Rande einer Großstadt, in einer Gegend, die als Surrogat westdeutscher Mittelschicht-Ambientes gelten könnte. Unten in seinem Souterrain-Kinderzimmer steht inmitten von Stapeln zerlesener Superman-Heftchen und ausrangierter Plüschtiere sein Computer: ein Zentralgerät, ein Farbmonitor, ein ständig schnurrendes Diskettenlaufwerk, ein Drucker, zusammen immerhin ein Wert von 4000 Mark, zweimal Weihnachten und Geburtstag plus Zuschuß von der Oma.

Martin sitzt ziemlich viel am Gerät, "so eigentlich den ganzen Tag außer der Schule, und außer, wenn meine Mutter runterkommt und den Strom abdrehen will, wenn’s spät wird. Das hat sie aber noch nie gemacht". Er programmiert eigene Videospiele. "So eins am Tag", sagt er bescheiden. Warum? "Die fertigen Spiele, da hast du doch gar keine Chance, das geht ja alles so schnell. Wenn ich sie selber mache, kann man es steuern. Außerdem wird da sonst immer nur geballert – das finde ich blöd."

Natürlich muß ich zunächst eine Runde spielen. Martin lädt "Fabrik", sein Lieblingsspiel, dessen Programm er für satte 1000 Mark an eine Computerzeitschrift zum Abdruck verkauft hat, von der Diskette in den Computer. Es ist, wie alle Videospiele, ziemlich anstrengend. Die Spielfigur, ein kleines, zitterndes Monster, das aussieht wie ein grinsendes Smartie, muß sich über Leitern, Fließbänder und Förderkörbe von links unten nach rechts oben durcharbeiten – ständig bedroht von hin- und hereilenden "Meistern", hektischen Robotern und "flüssigem Eisen".

Meine Figuren fallen bereits beim Fabriktor fallenden Hämmern zum Opfer und stürzen mit einer quäkenden Version des Trauermarsches von Rimski-Korsakow ("hab’ ich aus ’ner Platte von meinem Vater abgehört") in den elektronischen Orkus. Martin schafft es – ebenso natürlich – bis in die siebte Ebene und darf sich zu "Freude schöner Götterfunken" in seine Siegerliste eintragen. Da steht sowieso nur er.

Böse Lehrermonster

Obwohl Martin in einer wohlbehüteten Kleinfamilien-Idylle aufgewachsen ist, zeugen seine Eigenbau-Spiele – es sind über hundert – allesamt vom harten Kampf um die Existenz. Fast immer muß man sich mühsam durch Ebenen kämpfen, in denen das Überleben von Mal zu Mal schwieriger wird. Einzig ein Labyrinth mit Namen "Schuleschwänzen" deutet eine direkte Umsetzung der Realität an – da wird "Freddy Schwänzer von bösen Lehrermonstern, alsbald sogar von "Polizisten" und "Bürgermeistern" durch die Gänge ge-

Kindliche Ängste, in elektronischen Sphären ausgelebt? "Nee, vor der Schule habe ich keine Angst, da bin ich zu gut für", sagt Martin, und man möchte ihm das auf Anhieb glauben. Ob er denn nicht manchmal Angst vor dem Computer hat, diesem leblosen, seelenlosen Ding? "Wieso? Der ist doch mein Sklave."