Von Benjamin Henrichs

Mit dem Theater, ganz klar, geht es wieder einmal zu Ende. Wer schuld daran ist, wissen wir alle. Wir alle nämlich sind es selber: die ahnungslosen Kulturpolitiker und die unfähigen Intendanten, die satten Schauspieler und die matten Stückeschreiber, die hämischen Kritiker und das bequeme Publikum.

Traurig die Gegenwart. Trauriger noch der Blick in die Zukunft. Da lesen wir im Lokalteil einer Hamburger Tageszeitung diese kurze, aber wahrhaft erschreckende Meldung:

"Wozu das Theater? – Unter diesem Motto fand die Hamburger Schulspielwoche 1984 statt. Wozu das Theater und vor allem für wen? Die Schüler, die in geschlossenen Klassenverbänden ins Theater getrieben worden waren, zeigten mit wenigen Ausnahmen keine Neigung, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Im Zuschauerraum entwickelte sich ein dynamisches Eigenleben, das verärgerte und empfindlich störte."

Jaja, so ist sie, unsere Jugend. Wie anders, gaukelt uns unsere Erinnerung vor, waren wir, damals: Ehrfürchtig betraten wir das Theater, still und staunend folgten wir dem Geschehen auf der Bühne.

Jetzt aber kommen die Fernseh-, die Computerspielkinder: bildersüchtig, lesefaul, im Donner der Diskotheken ertaubt. Mit Muppets-Show und Sesamstraße, mit Comic, Krimi und Western wachsen sie auf – was sollen sie anfangen mit den alten Theater-Geschichten von verlorener Ehre, vergifteter Limonade?

Theaterkrise war immer. Noch wehren wir uns, aber vielleicht ist unsere Krise heute wirklich die letzte: Das Theater stirbt, wenn sein Publikum ausstirbt.