Deuten die Schmiergeld-Aufzeichnungen der Flick-Angestellten auf seltsame Schreibzwänge der Bundesdeutschen?

Da wir Deutschen so gern unseren Nationalcharakter betrachten und vor den finstersten Spiegelbildern nicht zurückscheuen, könnten wir doch endlich auch einmal unsere Aufmerksamkeit jenen Aspekten der Flickschen Politikfinanzierung widmen, die ein Licht auf unsere Volks-Psyche werfen.

Gemeint ist unsere Hingabe ans Papier, unsere Lust an Notizen, unser Vollständigkeitswahn beim Aufzeichnen noch so absurder, noch so geheimer, noch so verräterischer Fakten. Repräsentiert werden wir dabei bestens durch den akkuraten Flickbuchhalter Rudolf Diehl, der in guten Zeiten als so penibler Vermerk-Schreiber arbeitete, daß seine Füllhorn-Notizen heute wie notariell ausgefertigte Beweisurkunden wirken. Aber auch der keineswegs subalterne Geldausteiler Eberhard von Brauchitsch machte Summen und Sümmchen, russische Marmelade und Düsseldorfer Printen, so zettelfest, als wäre ihre Schmierwirkung davon abhängig. Vielleicht ist ja dieser Schreibzwang wirklich magisch in den Tiefen des (allgemeinen) Unterbewußten begründet.

Deutsche Steuerfahnder wissen nämlich mit immer neuem Staunen zu/berichten, wie phantastisch die von ihnen heimgesuchten Steuersünder häufig ihr Zurückgehaltenes bis ins Detail dokumentiert hätten. So daß die Fahndungsbeamten eben nur lesen können müßten: Die Hinterzieher überführten sich selbst. Die schreibbewußten Herren Diehl und von Brauchitsch stehen also mit ihrem justizfreundlichen Tick nicht allein. Im Zeitalter der Safes und der Kopierer scheint beides gleich gut zu gedeihen, die Selbstindiskretion, die hinter Stahltüren und schweren Schlössern verborgen wird – am Ende vergeblich, und die uns allen teure Fremdindiskretion mittels Kopierer, die aus heimlichen Notizen auf Schmierzetteln öffentlichen Skandal macht, der – auch – unsere Zivilisationsschäden ans Licht zerrt.

Der so sehr ordnungsliebende Deutsche, gelegentlich ehrlich, ertappt sich nämlich plötzlich dabei, daß er unentwegt Notizen macht, und daß er die Notizen anderer verdammt ernst nimmt. Alles Papierene hat für ihn selbstquälerisches Gewicht, und daß er mit hämischer Freude seine hinterzogenen Steuern notiert und diese Papiere abends auf dem Speicher wollüstig mit der Taschenlampe studiert, um sich dann befriedigt ins Bett zu legen, ist nur eine leicht psychotische Erscheinungsweise des ausgepichten Ordnungssinnes, der eben beschriebenes Papiert besonders anziehend findet. Daß ein Steuerfahnder da eines Tages mitlesen könnte, diese Befürchtungen kann den, Spaß des Aufschreibens nicht verdrängen.

Eine deutsche Lehrerin wurde in der französischen Stadt Lunel, vor der man sich offenbar hüten muß, von Dieben heimgesucht. Nachdem ihr Auto aufgebrochen, schöne Kleidungsstücke und wertvolle Taschen geraubt waren, beklagte sie nichts so sehr wie den Verlust einer Klassenarbeit und ihres Notenbüchleins mit allerhand Ausrechnungen. Zum Aufzeichnungsfetischismus kommen hier die Drohungen der Bildungsbürokratie, die Lehrernotizen zum Angelpunkt des Schullebens erheben, zu unersetzlichen Gerechtigkeitsgütern.

Der gravierenden Papiersucht des Zivilisationsmenschen, der, von Funk und Fernsehen mit fliehenden Tönen und Bildern überschüttet, doch wenigstens einiges festhalten will, und seien es nur ein paar korrumpierende oder böse beiseite geschaffte Mark, entspricht eine verblüffende Papiergläubigkeit, die bis in die höchsten Zonen reicht.