Die Bluse, ausgestattet mit einem auffälligen Preisschild, kostet nun nicht mehr 69,99 Mark (der alte Preis ist dick durchgestrichen); nein, Sie können sie jetzt schon für 49,99 Mark bekommen. Für die arei gebündelten Paar Socken sind keine zehn Mark auf den Tisch zu legen; neun Mark und neunundneunzig Pfennig reichen. Und wer beim Kauf eines Plastik-Eimers hoffnungsvoll auf eine runde Zahl – sagen wir fünf Mark – setzt, der ahnt, er bekommt einen Pfennig zurück. Der Eimer kostet vier Mark neunundneunzig. Womit gesagt ist, daß die am häufigsten gebrauchte Zahl in unseren Warenhäusern und auch in vielen Einzelgeschäften die "9" ist. Ohne die "9" sind die Preisschilder kaum noch denkbar. Selbst der Luxusartikel, zum Beispiel der Pelzmantel, kostet nicht etwa 20 000 Mark; nein, einen Hunderter weniger, er kostet 19 900 Mark. Und ein Stück Seife für 99 Pfennige ist zweifellos billiger als eins für eine Mark.

Ein Käufer, mit einem Fünfmarkstück in der Hand, hat kaum noch eine Chance, die Registrierkasse im Supermarkt zu passieren, ohne nichts zurückzubekommen. Und sei es nur einen Pfennig.

Da steht sie nun an der Supermarktkasse, hat ihre Waren aufs Fließband gelegt und ihr Portemonnaie gezückt. Sie ist achtzig Jahre alt und mit der Spruchweisheit aufgewachsen: "Wer den Pfennig nicht ehrt..."

Aber jetzt wird sie von der Kassiererin, die unablässig die Tasten drückt, hart angefahren: "Haben Sie zwei Pfennig?"

Aber sie hat keine; und nun wird’s kompliziert, weil durch die Summierung der Pfennig-Angebote, auf die die Werbe-Experten so stolz sind, an der Kasse die Pfennige fehlen, die die runde Zahl verhindern. Der Weizenkorn bekommt schon an der Kasse einen faden Geschmack, weil die Kassiererin, die in Pfennig-Beträgen abrechnen muß, einer 9,99-Mark-Flascne weniger zugetan ist als einer Zehn-Mark-Buddel, bei der eine runde Zahl herauskommt. Und die harmlose Putenbrust im Sonderangebot, mit der Zahl "99" hinter dem Komma, entwickelt sich an der Kasse leicht zum Kampfhahn, wenn summa summarum Pfennige herauskommen, die von der Kasse zurückgezahlt werden müssen.

Noch gibt es den Pfennig. Aber nur noch als sorgsam gehütetes Relikt einer vergangenen Zeit, in der der Taler noch etwas wert war. G. S.