Nun werden sie also in Hamburg, wie die Kultursenatorin Helga Schuchardt es formuliert, zunächst einmal "versuchen, ruhig und kräftig durchzuatmen". Denn, nicht wahr, es ist ja eine Lösung gefunden, sogar eine "über die Oper hinaus und über Hamburg hinaus glückliche Lösung": Dem Wunsch des Intendanten der Staatsoper, Kurt Horres, aus wie persönlichen Gründen auch immer seinen Vertrag aufzulösen, wird entsprochen – Horres geht, und zwar so schnell, daß es fast wie "fristlos" aussieht: zum 31. Januar 1985. Und Rolf Liebermann, der schon einmal, 1970, als Hans Lietzau vor der Frist ging, die Feuerwehrfunktion erfüllte und zur Staatsoper auch noch das Schauspielhaus übernahm, ließ sich wieder in die hanseatische Pflicht nehmen und wird am Tage darauf, am 1. Februar 85, wieder in sein altes Büro zurückkehren, mindestens bis zum Beginn der Saison 1987/88. Ein paar Einrichtungsdetails werden dort fehlen, aber "das Haus wird ihn mit offenen Armen empfangen". Meint jedenfalls die Senatorin.

Wenn da nur nicht, zu all den Scherben, die wir schon besitzen, auch noch eine Legende zu Bruch geht, denn in all dem Katzenjammer über die entfliehenden Schauspiel- und Opern-Intendanten hat in der Erinnerung die Ära Liebermann eine Gloriole erhalten, deren Goldauflage, nimmt man einmal ein kräftigeres Poliertuch zur Hand, ziemlich schnell auch ihre schütteren Stellen wieder hervortreten läßt. Bei allem füglichen Respekt: 1984 sind weder Rolf Liebermann noch die Hamburgische Staatsoper, was sie zwischen 1959 und 1973 waren.

Auch Rolf Liebermann wird das zeitlich offenbar langwierige und im Umfang allem Anschein nach immer weiter um sich greifende Verfahren der Reparatur und Modernisierung der Bühnentechnik nicht übermäßig beschleunigen können. Seine hochwohllöbliche Serie von Opernuraufführungen, die – unter anderem – seiner Ära den "Glanz" verliehen, kann auch ein Rolf Liebermann nicht ohne zeitlichen Vorlauf fortsetzen – wo keine Komponisten sind, lassen sich auch keine aufsehenerregenden Stücke hervorzaubern. Das leidige Kampnagel-Problem mag Rolf Liebermanns diplomatisches Geschick für eine gewisse Zeit "dilatorisch" behandeln können – auf seinen Nachfolger wird es um so schnöder zurückfallen.

Ob es eine "Lümmelei" ist, wie Kurt Horres die Art bezeichnet, mit der andere "leitende" Kräfte des Hauses ihm künstlerische wie profane Knüppel zwischen die gerade zum Vorwärtsgehen sich anschickenden Beine warfen, oder ob eine "Wirrheit", nach Meinung dieser Kräfte, den Intendanten zu Irrationalem verleitet – wen immer man in diesen Tagen befragt: jedes Detail erhält prompt seine beiden Ansichtsseiten (und das Dementi ist schon vorformulierbar). Es läßt sich weder verheimlichen noch bestreiten, daß in vielen Bereichen, Führungsabteilungen, Verantwortlichkeiten, hierarchischen Stufen Zustände erreicht wurden, die allesamt das Attribut "hybrid" verdienen: ein Regisseur-Intendant, der seine Phantasien wie Ideologien, Bühnenträume wie Glaubensbekenntnisse nicht realisieien zu können wähnt wegen des Widerstandes "absolut unkünstlerischer", aber eben mit Hausmacht ausgestatteter Funktionsträger; ein doch letztlich für das Kaufmännische zuständiger Direktor, dessen Vertragsparagraphen dummerweise irgendwo auch die Vokabel "künstlerisch" verwenden – wohin diese Unsorgfalt in der Formulierung führen kann, hat unlängst der Interessenkonflikt in Berlin, Karajan kontra Philharmoniker, gezeigt – und der sich jetzt Kompetenzen erträumt; ein Dirigent, der heute einen Regisseur akzeptiert, morgen vervirft, übermorgen wieder gelten läßt, aber nun den Bühnenbildner nicht mehr goutiert; ein Konzert-Orchesterdirektor, der sich über den Opernintendanten äußert, obwohl er im eigentlichen Sinne mit ihm gar nichts zu tun hat. "Ein jeder", besagt das Peter-Prinzip, "steigt so lange auf, bis er die Grenzen seiner Inkompetenz erreicht hat."

Denkbar, aber kaum ernsthaft vorstellbar ist, daß: Kurt Horres, der als Operndirektor in Wuppertal wie als Staatstheater-Intendant in Darmstadt mit Bürokraten hinreichend zu tun hatte und als Gastregisseur in Hamburg arbeitete, die moderne Hamburger Attitüden-Realität von der Ästhetik bis zu den Glabensinhalten, von der Bilanzsicherheit bis zur Scheintreue nicht früh genug durchschaut hätte; ein Staatsopern-Aufsichtsrat einen Intendanten, also Vorstandsvorsitzer verpflichtet, ohne zu wissen, wes Geistes Kind der Mann, was seine Ambitionen, Obsessionen, Spleens und Genialitäten an Entgegenkommen, Selbstverleugnung, Weitsicht oder Experimentierfreudigkeit fordern und notwendig machen; daß ein Finanzdirektor sich auch nur für einen kleinen Moment für in künstlerischen Fragen relevant oder gar zuständig hält. Aber ebenso wenig, daß ein Fördererkreis-Verantwortlicher – nein, nicht: Mäzenat – auch nur einen Augenblick zögert, seine, honni soit qui mal y ferne, ökonomische, nicht die künstlerische Schwerkraft einzusetzen, um dem Theater die künstlerische, nicht die ökonomische Trieb- und Fliehkraft zu stärken; daß ein(e) Kultursenator(in) als Aufsichtsratsvorsitzende(r) nicht im Bedarfsfall ein Machtwort spricht und die über ihre angestammten Grenzen selbstherrlich hinausstampfenden Scheinprinzen wieder in ihre Schrebergärten zurückverweist; daß ein Intendant seine gottlob noch nicht ganz in Frage gestellten oder gar paragraphensicher abgeschafften Prinzipal-Rechte ausübt und zeigt, daß es in der Tat nur einen Herrn im Hause gibt.

Über den Primat unter den beiden Staatsoperndirektoren tat Rolf Liebermann übrigens seinem demnächstigen Partner Rolf Marres kund und zu wissen: "Der Mann von der Finanzseite kann alles töten. Wenn dieser Mann unkünstlerisch ist, dann ist das Theater nicht zu führen." Originalton 1970 – damals sprach Rolf Liebermann über seinen Co-Direktor Herbert Paris – aber 14 Jahre später ist das Diktum immer noch verdammt aktuell. Heinz Josef Herbort