Von Günter Haaf

Das waren noch Zeiten. Der Löwe, wer sonst, errang "die Herrschaft über alles Lebende". Der Seeadler ist "kühn und raubfähig", aber noch "edler und kühner" ist der Steinadler. Das Nilpferd mit seinem "sonderbar gestalteten" Körper taugt nur zum "Unthier": Es ist "der Gottseibeiuns selber, wenn auch mit etwas auffallenden und unzierlichen Pferdefüßen und Schwanz!"

Liebe und Haß treiben die Geschöpfe. "Der als Sinnbild der Feigheit dastehende Hase kämpft mit seinem Nebenbuhler verhältnismäßig ebenso wacker, als der Löwe, wenn er auch seinen Liebesgegner nur tüchtig mit den Vorderpfoten ohrfeigt." Ganz in ihrer Rolle geht auch die "Säugethiermutter" auf: "Sie lebt und sorgt blos für ihre Kinder", ja, "ohne Übertreibung kann man behaupten, daß ihre Liebe und Zärtlichkeit, der Stolz und die Freude der Mutter an den Augen abzulesen sei ... keine Menschenmutter kann stolzer, als sie, auf ihr Kind sein", denn schließlich sind die Kleinen "allerliebste Geschöpfe".

Derlei ungehemmte Vermenschlichung unserer tierischen Mitgeschöpfe trug entscheidend dazu bei, daß der "Tiervater" Alfred Edmund Brehm eine nationale Institution der Deutschen wurde. Der wortgewaltige Tierbeobachter prägte die Vorstellungen ganzer Generationen wie sonst vielleicht nur noch sein Zeitgenosse Karl May. Doch anders als der fabulierende "Winnetou"-Autor erschrieb sich der Zoologe seinen Namen – der "Brehm" stand gleichrangig mit dem "Duden" – auch auf der Basis einer außergewöhnlichen naturwissenschaftlichen Leistung. "Der Name ist bis heute lebendig geblieben", bemerkt der Publizist Siegfried Schmitz in seinem kürzlich erschienenen Brehm-Buch*, "doch das Werk wurde verschüttet vom Strom der Zeit".

Schmitz sei Dank, daß er mit seiner Mischung aus Biographie und längeren Originaltexten den Menschen und den Wissenschaftler hinter dem großen, aber mit einem antiquierten Beigeschmack behafteten Namen rechtzeitig zum 100. Todestag Alfred Brehms wieder sichtbar machte: Am 11. November 1884 starb ein Pionier der Tierbeobachtung, der zugleich ein stilsicherer Pionier der – wie es damals hieß – "Volksaufklärung" war.

Subjektive Werturteile galten auch schon Mitte des letzten Jahrhunderts bei Wissenschaftlern als unschicklich. Mit ihrer Objektivität Waren die Gelehrten damals allerdings gerade weit genug gekommen, um Form und Bau der Tiere verläßlich zu beschreiben. "Man begnügt sich", schreibt Alfred Brehm im Vorwort seines berühmtesten Werkes, dem 1864 bis 1869 erschienenen "Thierleben", "mit einer möglichst sorgfältigen Beschreibung des äußeren und inneren Thierleibes, ja, man gibt sich zuweilen den Anschein, als halte man es für unvereinbar mit der Wissenschaftlichkeit, dem Leben und Treiben der Thiere mehr Zeit und Raum zu gönnen als erforderlich". Die Ursachen "dieses ebenso ungerechtfertigten wie einseitigen Verfahrens sind unschwer zu erkennen", nahm sich Brehm der etablierten Zoologie an. "Unsere Meister der Thierkunde zieren die Hochschulen oder wirken an den öffentlichen Sammlungen. Hier haben sie eine für die Zergliederungs- und Systemkunde verlockende Menge von Stoff zur Verfügung, und wenn sie diesen Stoff wirklich bewältigen wollen, bleibt ihnen zur Beobachtung des Lebens der Thiere keine Zeit – ganz abgesehen davon, daß zu solcher Beobachtung ein Jäger- und Wanderleben eine der ersten Bedingungen ist."

Brehm konnte damals kein Konrad Lorenz sein; die Zeit war noch nicht reif für die strenge Methodik der modernen Verhaltensforschung. Aber er war sehr viel mehr als ein Äsop des 19. Jahrhunderts, der das Volk mit Fabeln in der Gartenlaube amüsierte. Sein prinzipieller Ansatz, damals fast revolutionär, wirkt noch heute durchaus modern: "Ein Blick auf das Leben der Gesammtheit". Hinter den farbigen Schilderungen verbirgt sich die Erkenntnis, daß Leben mehr ist als die Summe der Bestandteile, denn "das todte, ausgestopfte, in Weingeist aufbewahrte ist und bleibt immer nur ein Gegenstand".