Hannover/München

Der Vergleich drängt sich auf: Mit dem Evangeliar Heinrich des Löwen verhält es sich ähnlich wie mit einem Kometen. Seit 1175 taucht es immer wieder einmal unverhofft aus geheimnisvollem Dunkel auf, zieht einen breiten Schweif von Publicity und Aufregung nach sich, nur um dann ebenso überraschend (und meist für recht lange) wieder zu verschwinden. Ein Stück vom Himmel, den Versuchen irdischer Nachforschungen zwar unzugänglich, doch statt dessen dankbares Objekt der Spekulation.

Die vor knapp einem Jahr unter großem Aufsehen in London ersteigerte mittelalterliche Handschrift ist in diesem Jahr zweimal gesehen worden: Kaum hatte das von der niedersächsischen Landesregierung beauftragte Bankenkonsortium am 5. Januar den Kaufpreis von 32,4 Millionen Mark an das Auktionshaus Sotheby’s überwiesen, da flog der Minister für Wissenschaft und Kunst Johann-Tönjes Cassens mit kompetenten Gehilfen nach London: Das Gebetbuch wurde, in einer Holzkiste verwahrt und, von Sicherheitskräften bewacht, heim ins Reich geholt. Je dringlicher derweil die Journalisten zu wissen begehrten, wann denn die Schrift zu erwarten sei, desto salomonischer fielen die Antworten des Ministeriumssprechers aus: "Eines Tages wird es eintreffen, und dann dürfen wir uns alle freuen." Nicht einmal die Information, daß die Bundeswehr diesen Transport organisiert hatte, wollte Cassens damals verbreitet sehen.

Ein paar Tage später aber war es doch soweit: Lokaltermin im Tresorraum der Norddeutschen Landesbank. Pressevertreter und Photographen durften einen Blick durchs Gitter werfen – da lag es, eingebunden in Samt und Leder 226 Seiten lateinischer Bibeltexte, geschmückt mit 41 Miniaturen, Kanontafeln und Evangelistenporträts. Nach einer halben Stunde war die Audienz beim Evangeliar beendet.

Ein weiteres Mal wurde es Ende Mai gesichtet. Grund: Das Spendenaufkommen der Bürger, in deren ureigenem Interesse die Rückführung dieses nationalen Kulturgutes doch lag, bedurfte der Ermunterung; 4,2 Millionen Mark fröhlicher Geber waren zwar schon eingegangen, doch um mehr wurde gebeten. Schließlich hatte das Land Niedersachsen schon neun Millionen Mark bereitgestellt, sechs Millionen steuerte die Bundesregierung bei, drei Millionen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und noch einmal 7,5 Millionen waren vom Freistaat Bayern versprochen worden.

Doch so recht spendabel zeigte sich fortan niemand mehr, und immer noch klafft eine Lücke zwischen (Regierungs-)Wunsch und (Bürger-)Tat von 1,9 Millionen Mark. So ist nach wie vor eine Bank, die Nord LB, rechtmäßige Eigentümerin des Evangeliars, und nach wie vor ruht es in ihrem Tresor. Ob die Klimabedingungen dort der Handschrift schaden könnten, beschäftigt die Experten.

Doch nun kommt wieder Bewegung in die Sache: Bayern und Ministerpräsident Franz Josef Strauß haben jetzt dafür zu sorgen, daß ihr Kultur-Engagement in Sachen Evangeliar etatmäßig abgesegnet wird. Denn im Auktionstrubel vor einem Jahr war keine Zeit dafür, der laufende Haushalt des Bundeslandes überdies "zu" und der Nachtrag für 1984 ebenfalls abgeschlossen. Erst für den Haushalt 1985/86 war der Posten unterzubringen. Darüber haben die Landtagsabgeordneten am Mittwoch dieser Woche zu befinden. Um sie gewogener zu machen, entschloß sich die Münchner Staatskanzlei zu einer Blitzaktion: Man bat die Kollegen in Hannover, das Gebetbuch doch "für eine Nacht und einen Tag" vorbeizuschicken, um den Abgeordneten einen sinnlichen Eindruck zu verschaffen, wie solch ein "Patrimonium" eigentlich aussieht. "Ein Anliegen, dem wir uns selbstverständlich nicht verschlossen haben", heißt es in Cassens Ministerium großzügig.