Die Erleichterung ist fast greifbar. Es hat ihn also doch nicht gegeben, den "heißen Herbst", von dem im Vorfeld der Tarifrunde im öffentlichen Dienst soviel die Rede war. Statt dessen wurde ein Abschluß erreicht, den man mit Fug und Recht einen echten Kompromiß nennen kann.

Arbeiter und Angestellte von Bund, Ländern und Gemeinden erhalten vom 1. Januar 1985 an bis zum Jahresende Einkommensverbesserungen von 3,2 Prozent und für die letzten vier Monate dieses Jahres eine Pauschale von 240 Mark. Außerdem vereinbarten die Tarifparteien in Stufen bis 1987 zwei zusätzliche freie Tage für alle Beschäftigten.

Mehr war wohl für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes nicht drin; das gesamte Paket belastet die öffentlichen Haushalte immerhin mit 8,5 Milliarden Mark. Mit weniger freilich wären die öffentlichen Arbeitgeber nicht unversehrt davongekommen, denn dann hätten sie den dritten Steik dieses Jahres provoziert. Und den konnten sich weder die Regierung, noch Verhandlungsführer Friedrich Zimmermann leisten.

Zwar war in Bonn noch vor wenigen Monaten die Parole von der "Nullrunde" der Staatsdiener offensiv vertreten worden, aber so recht glaubwürdig wäre es wohl nicht gewesen, den öffentlichen Bediensteten Opfer zuzumuten, wo doch gleichzeitig in diesem Jahr Landwirtschaft, Werften und Wohnungsbau mit kräftigen Subventionen unter die Arme gegriffen wurde.

Offensichtlich war auch Bundesinnenminister Zimmermann klar, wie unhaltbar die Position der absoluten Härte geworden war. Und er agierte anders als sonst – mit Fingerspitzengefühl und taktischem Geschick. Schon in der zweiten Runde bot er Einkommensverbesserungen von 2,8 Prozent an und nahm der Gewerkschaft so den Wind aus den Segeln.

Denn unter den Staatsdienern, die entgegen der landläufigen Meinung ganz und gar nicht zu den Besserverdienenden im Lande zählen – die meisten bringen nicht viel mehr als zweitausend Mark im Monat nach Hause – minderte dieses Angebot die Bereitschaft zum Steik ganz erheblich. Zwar standen die Signale beim ÖTV-Kongreß im Frühjahr noch auf Sturm. Aber auch hier war der Wunsch nach mehr Geld schon unüberhörbar. Zimmermanns freiwilliger Verzicht auf das Diktat der Nullrunde gab diesen Gruppen Auftrieb und ebnete den Weg zur friedlichen Einigung.

Die ÖTV auf der anderen Seite brüstet sich damit, nicht nur das Tabu der Nullrunde, sondern auch noch das der Arbeitszeitverkürzung durchbrochen zu haben. Viel mehr als ein Erfolg über das Prinzip ist es freilich nicht geworden. Denn umgerechnet bedeuten die zwei zusätzlichen freien Tage eine wöchentliche Senkung der Arbeitszeit um ganze achtzehn Minuten – und dies auch erst von 1987 an, wenn alle öffentlichen Bediensteten in den Genuß der Vereinbarung kommen. Und noch eine Feder steckt sich die Gewerkschaft an den Hut: Die Auszubildenden, die nach dem Willen der Arbeitgeber zunächst gar nicht bedacht werden sollten, können nun doch mit höheren Vergütungen rechnen.

Allerdings, ein Grund zum Jubeln ist das alles nicht. Die ÖTV hat zurückstecken müssen, daran gibt es keinen Zweifel. Doch dies gilt für die Arbeitgeber von Bund, Ländern und Gemeinden gleichermaßen. Dennoch: Der November 1984 hat keine "Abwendung von der ,Wende‘" gebracht, wie die konservative Frankfurter Allgemeine schon wieder argwöhnt. Er brachte einen Sieg der Vernunft und vielleicht auf beiden Seiten die Einsicht, daß es ratsam ist, mit markigen Worten künftig sparsamer umzugehen. Erika Martens