Von Thomas von Randow

Eine Kunst sei sie, erklärt der französische Gelehrte. Denn die Frauen und Männer, die sie betreiben, ließen sich von ästhetischen Kriterien leiten. "Doch ist sie auch eine Wissenschaft, eine Naturwissenschaft des Geistes", doziert der Festredner aus Paris, Armand Borel, weiter.

Die Rede ist von der Mathematik, und das Fest, das hier oben am Osthang des Wolfachtals stattfindet, feiern Mathematiker. Aus Ost und West sind sie gekommen, einige von sehr weit her, um einen Doppelgeburtstag zu begehen. Vor vierzig Jahren, in der Endphase des Krieges, entstand in diesem stillen Seitental des Schwarzwaldes ein mathematisches Institut, ein Refugium für Leute, die gewöhnlich für ihre Wissenschaft außer Papier und Bleistift nur noch eines, aber dies sehr dringend brauchen: Ruhe. Die gab es hier, abgeschieden vom Bombenterror und dem in nicht allzu ferner Zukunft zu erwartenden Einmarsch fremder Truppen.

Das andere. Wiegenfest gilt der Gründung der "Gesellschaft für mathematische Forschung" vor 25 Jahren, mit der das Mathematiker-Mekka im Schwarzwald das erhielt, was Wissenschaft heutzutage nun einmal braucht, eine "Organisationsform"; ein Grund dafür: Ohne sie wüßte niemand, wohin er das Geld für die Finanzierung überweisen sollte. Dies tun seither das Land Baden-Württemberg und die Stiftung Volkswagenwerk.

In den meisten Sprachen der Menschheit ist das Wort "Oberwolfach" schwer hervorzubringen, doch wie verquer es auch immer klingen mag – bei Mathematikern aller Zungen ruft das Wort Assoziationen an Gedankenaustausch und Anregung hervor, Zusammensein mit wissenschaftlich Gleichgesinnten.

Mathematiker sind weitaus stärker als andere Wissenschaftler spezialisiert. Wer sich hier in die Forschung begibt, wandelt sehr bald auf einsamen Pfaden. Denn unzählig sind die verschiedenen Wege ins weite mathematische Neuland, und selten nur kreuzen sie einander oder mündet gar der eine in den anderen ein. In dieser Situation ist es höchst unwahrscheinlich, einen Weggenossen im eigenen Land oder gar an der eigenen Universität zu finden. Der mag in einem fernen Kontinent in gleicher Einsamkeit arbeiten.

Mathematische Fachblätter – jeden Tag erscheinen mehr als 60 davon – sorgen zwar dafür, daß der eine vom anderen weiß, und wie in allen Gebieten der Wissenschaft geben Fachkongresse Gelegenheit, einander kennenzulernen. Doch das gegenseitige Lesen von Artikeln oder das kurze Gespräch während einer Tagung helfen nicht allzu viel. Über Mathematik läßt sich nicht rasch einmal plaudern; dazu gehören – mehr als in jedem anderen Gebiet – Einstimmung in eine gemeinsame Sprache, Einfühlung in den Denkstil des anderen, Freiheit von Termindruck und – wie schon gesagt – Ruhe.