Am Donnerstag morgen in Paris ein Ereignis: das "Donnerstagsereignis" (L’Evènement Jeudi). Vormittags Schlangen vor den Zeitungskiosken wie sonst nur nachmittags vor den Kinokassen für "Paris Texas" – um 11 Uhr ist das Ding, 300 000 Startauflage, ausverkauft.

"Das Ding" war clever gedreht: Jean-Frangois Kahn, ein Wirbelwind des französischen Journalismus, hatte sich das Geld von den Lesern geholt – 20 000 "Aktien" für 500 Francs (170,– DM); auch die waren sofort weg – wie die 80 000 nachgedruckten Exemplare Freitagmorgen. Eine neue Zeitschrift – für immerhin 20 Francs (7,– DM) – in der Aufmachung Capital und Fortune ähnelnd, mit über vierzig (von L’Express, Nouvel Observateur und Le Point wegengagierten) fest angestellten Redakteuren: aber im Inhalt mehr vague als Vogue. "Ein Vehikel für jene, die anders denken wollen", erklärt der Chef werbegriffig.

Das wirkliche "Ereignis" liegt ein paar Wochen zurück und hat die kleine Auflage von 8000 Exemplaren: die Literaturzeitschrift Lettre, die der tschechische Emigrant Antonin Liehm herausgibt, deren erste zwei Nummern Texte von Enzensberger und Vercors, Brecht, Foucault, Jan Kott und Panait Istrati vorstellen oder ein ganzes Kafka-Symposium wagen. "Wir werden einen Journalismus praktizieren, der keinerlei Prioritäten mehr setzt", verkündet der schnittige Kahn seinen Donnerstags-Überschall-Knall. Liehms intellektuell anspruchsvolles Blatt kommt auf Katzenpfoten daher. Katzen haben ein langes Leben. Hoffentlich.

F.J.R.