Nun war doch alles umsonst, für die Katz – anders freilich, als vermutet.

Daß es bald zwanzig Jahre nach der beschämenden Revisionsentscheidung des Bundesgerichtshofs im Fall Rehse und fünf Jahre nach den erneut aufgenommenen Ermittlungen im Fall Reimers nun doch nicht zu einem generell abschließenden Urteil über die maskierte Mordmaschine des Volksgerichtshofs kommen wird, hat nichts mit justizformalen Gründen zu tun. Der angeklagte 82jährige Paul Reimers hat sich in seiner Bremer Wohnung erhängt. Damit ist der Fall erledigt, das Verfahren abgeschlossen, das Streitthema "Volksgerichtshof – ordentliches oder verbrecherisches Gericht" endgültig zu den Akten gelegt.

Reimers hatte an 122 Todesurteilen der Freisslerschen Guillotine als beisitzender Richter mitgewirkt. Wenn er auch nicht hinter Gitter gekommen wäre, so hätte doch seine Verurteilung zu der lang erwarteten, dringend erforderlichen Revision der geradezu freisprechenden Karlsruher Revision geführt, wo der Volksgerichtshof als einst "ordentliches Gericht" bezeichnet worden war.

Mit dem Freitod von Paul Reimers, der entgegen früheren Einlassungen über seine Unschuldsvermutung seinen Angehörigen die Schande eines öffentlichen Prozesses ersparen wollte, ist nun die Hauptabsicht der Berliner Ankläger zunichte gemacht worden, die Bundesrichter zu einem anderen Generalurteil über Hitlers Scharfrichterinstanz zu zwingen. Die wenigen, noch lebenden Angehörigen des Volksgerichtshofs, die ebenfalls zwischen 75 und 91 Jahre alt sind, sind nicht wie Reimers ähnlich schwer belastet. Die Fortsetzung der Ermittlungen in ihren Fällen kann – wenngleich ihr Gesundheitszustand vorsorglich von Amtsärzten überprüft wird – mit Sicherheit zu keiner Anklageerhebung führen. Damit bleibt der Spruch von Karlsruhe geltendes Recht – zum Schaden der Justiz selber, wohl auch zu ihrer Schande. D. St.