Mailand

Mit mehr Sex, Spaß und viel Farbe zeigten sich Italiens Top-Modemacher sichtbar einig, daß die bequeme maskuline Mode, die deutlich zur androgynen "Gentlelady" führte, vorbei sei. Und das genau zu dem Zeitpunkt, wo in New York diese oversized ensembles, als absolute Verkaufsrenner des Winters jeder Preisklasse, die Scheckbücher leeren. Jetzt, als der King Mailands und Trendsetzer dieses Stils, Giorgio Armani, erst für Erreuno, dessen Kollektion er zeichnet, dann in seinem eigenen Palast superkurze Minis vorstellte, versetzte er den Einkäufern wieder einmal den "Längen-Schock". Solidarisch beschlossen sie die Röcke 65 Zentimeter lang zu ordern, und wahrscheinlich haben sie es erreicht.

Armanis Leitmotiv entsprang einer simplen Gewohnheit, nämlich die Art wie Sportliche Pullis, Jacken oder Schals um die Hüften knoten, sei es über Hemden, Hosen oder Röcke. Dieses praktische Thema geht durch die gesamte Kollektion. Es bringt schmal umwickelte Hüften zur Geltung, paßt zu Shorts, Bermudas und Pareos, jenen Wickelröcken, die seitlich geknotet ihre Hose sehen lassen.

Keine Bange, lange bequeme Hosen aus Leinen oder Seide, aber auch im Jeansschnitt, gehören zum konstanten Armani-Outfit und gesellen sich zu schmalhüftigen Jacketts, jegliches aeja vu ignorierend. Wem Armanis Halsausschnitte zu streng erscheinen, dem legt er einen "fliegenden" weißen und gestärkten Kragen wie eine Perlenkette um den Hals und klappt ihn im Nacken hoch.

Der "Wickel-Trick" verwandelt sich für Party bis Gala, kommt aus Seide, dann aus Chiffon und reich mit irisierenden Mondschein-Pailletten bestickt. Mit "glitz und blitz" auch auf T-Shirts aus Spitze, auf blumigen Kurzröcken, oder Klarsicht-Pailletten wie Streifen auf ein hellblaues weites Herrenhemd for Ladies gestickt, da jauchzen Armani-Fans vor Freude.

Italiens Schönwetter-Mode nutzt also das überweite Hemd als Aufhänger der Saison. Es fehlt nirgends. Seitlich hoch geschlitzt und überlang wird es zum wehenden Staubmantel, kann aus gelackter Baumwolle oder Organza sein. Kürzer, aus Shantung-Seide oder Leinen, wird es mit Hüftschärpe oder derbem Ledergürtel in Taillenhöhe zum Kleid, und schon konkurriert es heftig mit dem Blazer.

Feminin und ohne Aggressionen ist die Mode von Gianfranco Ferré. Von ihm stammen die schönsten weißen Organzahemden, die zu schwarzen langen Hosen aus Taft oder Seidenpopeline gehören. Hier lassen sich neue Jacken aus glänzender Shantung-Seide rückwärts mit Seitenteilen straff binden; vorne eng geknöpft, enden sie dagegen spitzwinkelig wie uralte Herrenwesten. Seine rechteckigen Großpullover mit Ausschnitt à la Knopfloch lassen kein "Vorne oder Hinten" erkennen. Ferre-Farben sind neben Weiß, Tintenblau mit Schwarz und Braun, dann plötzlich Tibet-Gelb oder Orange. Ungewöhnlich neu wirkte seine große Abendserie, die Kastanie, Weiß und Schwarz mit bengalischem Rot kombinierte.