Selbstbestimmung über die Arbeitszeit bei Landert-Motorenbau

Von Michael Jungblut

Von Planung konnte keine Rede sein, und von Ideologie erst recht nicht. Daß bei der Landert-Motoren-AG in Bülach bei Zürich ein Modell für flexible Arbeitszeiten praktiziert wird, das nicht nur in der Schweiz einmalig ist, verdanken Management und Mitarbeiter eher dem Zufall beziehungsweise einer für das Unternehmen ungünstigen Konjunktur: Um eine 1975 drohende Kurzarbeit zu vermeiden, bot das Unternehmen interessierten Mitarbeitern an, von sich aus die wöchentliche Arbeitszeit zu kürzen oder länger Urlaub zu machen.

Die Begeisterung bei der Belegschaft hielt sich in Grenzen. Aber immerhin jeder Zehnte akzeptierte das Angebot.

Das war zwar weniger, als die Firmenleitung erwartet hatte, die freiwillige Reduktion bei einigen der Beschäftigten reichte aber aus, um eine erzwungene Kurzarbeit bei dreißig anderen zu vermeiden. Überdies löste diese Aktion einen Lernprozeß aus – und zwar sowohl beim Management als auch bei den Mitarbeitern. Warum müssen eigentlich alle nach dem gleichen Arbeitsschema arbeiten? Wäre es nicht besser, wenn jeder selbst bestimmen könnte, was ihm wichtiger ist – mehr Lohn oder mehr Freizeit? Und sollte nicht auch jeder für sich entscheiden, in welcher Form er die freie Zeit verwenden will?

Einer von denen, die durch die Erfahrung mit der freiwilligen "Kurzarbeit" zu der Erkenntnis kamen, daß die zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberverband ausgehandelte Regelarbeitszeit nicht unbedingt auch für jeden einzelnen Arbeitnehmer der Weisheit letzter Schluß sein muß, ist Fritz Zahn, Meister in der Stanzerei. Nachdem er einige Wochen statt der damals in der Schweizer Metallindustrie noch üblichen 44 Stunden nur 40 Stunden gearbeitet hatte, stellte er fest, daß ihm dies gesundheitlich viel besser bekam. "Ich habe damals dem Chef geschrieben, daß ich bei dieser kürzeren Arbeitszeit bleiben möchte und er hat sofort zugestimmt", erzählt Zahn und muß dabei ziemlich laut werden, um den Lärm in der Maschinenhalle zu übertönen.

Seither ist der Meister mit seinem Arbeitsrhythmus rundherum zufrieden. Die kürzere Arbeitszeit in Verbindung mit der bei Landen an allen Arbeitsplätzen geltenden Gleitzeit erlaubt es ihm, nach "zwei oder drei besonders hektischen Tagen einfach mal einen Tag zu Hause zu bleiben oder schon am frühen Nachmittag Schluß zu machen". Manchmal dehnt er auch die Mittagspause auf zwei Stunden aus und bleibt dafür abends etwas länger. "Natürlich mache ich das nur, wenn ich sehe, daß in meiner Abteilung alles läuft, denn ich muß ja auch ans Geschäft denken." Die größere Freiheit, die ihm das Unternehmen gibt, beantwortet Fritz Zahn mit einem gesteigerten Verantwortungsbewußtsein – und fühlt sich nicht nur psychisch, sondern auch physisch wohl dabei. "Mir geht es heute besser als vor zehn Jahren", berichtet der 63jährige.