Von Gerhard Spörl

Hanau, im November

Die hessischen Grünen haben ihnen zu bundesweiter Bekanntheit verholfen, den beiden Hanauer Nuklearbetrieben NUKEM und ALKEM. Sie verkörpern alles, was Ökologen und Kernkraftgegner mit Sorge vor der Zukunft erfüllt. Die ALKEM stellt Brennelemente für Reaktoren her; das Plutonium dazu liefern Wiederaufbereitungsanlagen in Deutschland, Frankreich und England. Die NUKEM reichert Uran an und baut Materialtest-, Forschungs- und Hochtemperaturreaktoren. Aus Hanau werden fast alle deutschen Kernkraftwerke beliefert. Auch der Export floriert, vor allem in Entwicklungsländer wie etwa Indonesien.

Das Produktionsgelände ist wie die Grenze zu einem feindlichen Staat gesichert: Metallzäune, damit keine Lastwagen durchbrechen können, Wassergräben und Betonmauern vor den Hallen, in denen geräuscharme Wirbel- und Sinteranlagen laufen und riesige Behälter für den Transport abgebrannter Brennelemente hergestellt werden. Hier wollen Physiker und Chemiker am wenigsten verstehen, worum in Wiesbaden gestritten wird.

Beide Firmen wollen expandieren. Die NUKEM, an der RWE, Degussa, die Metallgesellschaft und die britische Firma Rio Tinto beteiligt sind, möchte eine zweite Lagerhalle bauen. Dort würde hochangereichertes Uran gelagert werden, aus dem auch Atombomben gebaut werden könnten. NUKEM, so behaupten die Grünen, bedeute, daß die Bundesrepublik sich eine Option für den Bau von Atombomben offenhalte.

Die ALKEM möchte künftig noch mehr Plutonium lagern, 6,7 Tonnen statt 460 Kilogramm. Das Plutonium verheißt, daß kein Abstand von der Brütertechnologie genommen wird, also kein Ausstieg aus dem, sondern ein Einstieg in den Atomstaat bevorsteht. So denken jedenfalls die Grünen. Aber es ist auch ein Arbeitskonflikt: Die beiden Firmen bieten 3300 Menschen aus Hanau und Umgebung Arbeit. Der Stadtrat – SPD, CDU, FDP einträchtig – plädiert dafür, daß die Landesregierung den Anträgen zustimmt. Denn der Weg nach Bayern ist nicht weit. Dort wäre die Regierung im Zweifelsfall verständnisvoller.

Die Landtagsgrünen möchten Widersprüchliches, einerseits ALKEM und NUKEM am liebsten stillegen, andererseits in Wiesbaden aber auch nicht den Zipfel der Macht aus der Hand geben. Otto Schily und Joschka Fischer, beide Inspiratoren des rot-grünen Experiments, verlangen von ihren Freunden, hart zu bleiben: entweder Ablehnung der Anträge oder Ende des Bündnisses.