Von Gerhard Spörl

Der Parlamentarismus fordert eine redselige Gesellschaft. Den Skeptikern unter seinen Theoretikern war allerdings von jeher geläufig, daß dabei nicht notwendig intellektuell anspruchsvolle Diskurse entstehen. Die Kommunikation ist geprägt, öfter noch verzerrt von Konkurrenz. Ein Lehrsatz muß sein, daß politische Rede um so klarer und deutlicher ist, je genauer der Redner seinen Gegner vor Augen hat. Genauer: Der Redner präpariert sich in der Rede seinen Gegner. Da mag es fast als ein Zeichen von Gerechtigkeit gelten, wenn im Publikum das Unbehagen an diesem freihändigen Umgang miteinander nicht weicht. Es steckt in dem nicht auszurottenden Mißverständnis um das Wort Demagoge. In Athen war damit nichts anderes als ein einflußreicher Redner der Volksversammlung gemeint. Heute wird er vornehmlich verstanden als ein Hetzer, ein Volksverführer.

Beispielhaft ermahnte Theodor Heuss 1952 seinen Freund Thomas Dehler, einen begnadeten Demagogen, er solle sich doch nicht zu Stimmungsreden hinreißen lassen, sondern mehr aus absolut staatlicher Verantwortung sprechen. Das Augenmaß des Politikers ist hierzulande immer schon mehr gefragt gewesen als die Leidenschaft.

Dieser Wertschätzung folgt die Auswahl wichtiger Parlamentsreden aus der Nachkriegszeit:

Dietrich Rollmann (Hrsg.): "50 Reden aus dem deutschen Bundestag (1949-1983)"; Burg-Verlag, Sachsenh. 1983; 592 S., 48,– DM.

Die Auswahl ist konventionell. Lauter Wegmarken tauchen auf: Der Bundestag konstituiert sich 1949, die Macht wechselt 1969 und dann wieder 1982. Die Auswahl ist fair; auch die Grünen sind schon vertreten. Im übrigen muß Subjektivität walten, wo 50 Beiträge unzähligen anderen vorgezogen werden.

Beim Blättern gerät man schnell ins Sinnieren. In seiner Antrittsrede beschwört Bundestagspräsident Rainer Barzel 1983 pflaumenweich den unabhängigen Abgeordneten, gleich nah zu seinem Gewissen wie zum Volk. Können all die Handreichungen diverser Redenschreiber oder Parlamentsdienste, dürfen die Anfechtungen der Abgeordneten durch die eigene Partei und andere interessierte Kreise so einfach vergessen werden?