/ Von Fred Haemmerli

Nervöse Hektik herrscht im sonst so erholsamen Engadin. Im malerischen Dörfchen S-chanf, wo sonst nur Skifahrer und Wanderer anzutreffen sind, wimmelt es derzeit von hohen Militärs, Polizisten, einflußreichen Managern und Politikern. Doch ihre Aufmerksamkeit gilt keinem terrorgefährdeten Staatsbesuch, sondern dem Testschießen einer neuen "Superwaffe" der schweizerischen Rüstungsfabrik Oerlikon-Bührle.

Die Feuerprobe des Flieger- und Panzerabwehrsystems "Adats" ist zugleich die Bewährungsprobe für den Zürcher Bührle-Konzern. Rund eine nalbe Milliarde Mark hat er bereits in die Entwicklung des computergesteuerten Raketenwerfers investiert. Das Resultat ist – zumindest unter militärisch-technischen Gesichtspunkten – beeindruckend: Selbst bei Unwetter und schlechten Sichtverhältnissen trifft Adats ein herannahendes Flugzeug oder einen Panzer in voller Fahrt in den allermeisten Fällen schon auf eine Entfernung von acht Kilometern. Kein anderes bekanntes Abwehrsystem erreicht ähnliche Werte.

Kommerziell könnte Adats allerdings leicht zum Fiasko für die größte Waffenschmiede der Schweiz werden. Dieter Bührle, Sohn eines Einwanderers aus dem deutschen Ilsenburg, hat seine ganzen Hoffnungen auf Adats gesetzt. Die Zuversicht des 62jährigen – oder seine Not – waren so groß, daß er gar, entgegen allen Prinzipien vorsichtiger Haushaltsplanung, einen erheblichen Teil der Entwicklungskosten als "sichere" Geldwerte in seine Konzernrechnung aufgenommen hat.

Sicher sind sie allerdings nur, wenn Bührle das Abwehrsystem Adats auch tatsächlich verkaufen kann. Und damit hapert es vorläufig noch. Das eidgenössische Verteidigungsministerium kann sich zu einem Kauf der teuren Lenkwaffe nicht durchringen, weil die Beschaffung von 380 Leopard-2-Panzern auf Jahre hinaus das Rüstungsbudget blockiert. Wenn aber nicht einmal die schweizerischen Militärs zu einer Anschaffung von Adats bereit sind, so schwindet auch die Hoffnung, im Ausland Käufer zu finden. Bereits unkt die Schweizerische Handelszeitung, es sei kaum vermessen zu behaupten, "daß Oerlikon-Bührle mit dem Erfolg des Adats steht und fällt".

Seine verbliebenen Hoffnungen setzt Konzernchef Bührle nun auf Amerika. Sowohl Kanada als auch die Vereinigten Staaten erproben zur Zeit Prototypen der Lenkwaffe. Adats ist wieder im Rennen, seit das Konkurrenzsystem "Sergeant York" von Ford Aerospace (Anschaffungspreis gut zwölf Milliarden Man) bei den letzten Tests eher enttäuscht hat. Die ursprüngliche Erwartung, auch an reiche Opec-Staaten liefern zu können, hat Bührle angesichts sinkender Einnahmen der Ölförderländer weitgehend begraben.