Seit vierzig Jahren ist die kostbarste Kriegsbeute der Deutschen verschollen. Hunderte von Spuren wurden verfolgt. Aus der DDR kommen neue Erkenntnisse.

Von Karl-Heinz Janßen Unter Mitarbeit von Georg Stein

Ein Schatz wird gesucht. Ein Schatz wie im Märchen. Dunkelbraun, mattgelb, weißgolden schimmernde Steine, warm und weich glänzende Mosaiken, Akanthusranken und Rosetten, blitzendes Kristall, glitzernde Lüster, funkelnde Leuchter – das Bernsteinzimmer.

Ein Schatz – versunken auf dem Grunde des Meeres wie einst Vineta, verbrannt in den Feuerstürmen des Krieges, vergraben in tiefen Schächten, verschlossen im Hause einer reichen Familie – wer weiß!

Die Besucher aus der Bundesrepublik drängeln sich durch die Zimmerfluchten des Katharinenschlosses, der ehemaligen Sommerresidenz der Zarenfamilie in Puschkin, dem einstigen Zarskoje Selo. „Und hier“, hebt die Reisebegleiterin Tamara aus Leningrad ihre Stimme, „befinden Sie sich im Bernsteinzimmer.“ Das Deckengemälde ist restauriert; doch die Wände sind nackt, bis auf eine einsame mattglänzende Bernsteinpaillette, zum Zeichen, wie schön es hier nach der vollständigen Erneuerung aussehen wird. „Die herrliche Wandtäfelung und die Spiegel sind im Krieg verschollen.“ Mehr sagt Tamara nicht. „Hat sich wohl ein General in die Tasche gesteckt“, witzelt ein Tourist im unverfälschten Manger-Deutsch, und ahnt gar nicht, wie nahe er der Wahrheit ist.

Kriegstagebuch des Armeeoberkommandos 18 bei der Heeresgruppe Nord, 29. September 1941, 16 Uhr: „Rittmeister Graf Solms vom OKH (Oberkommando des Heeres) mit der Erfassung der Kunstgegenstände in dem Zarenschlosse beauftragt, bittet um Schutz für das Zarenschloß Puschkin, das durch Bombentreffer leicht zerstört und zur Zeit in vorderster Linie durch unachtsames Verhalten der Truppe gefährdet ist. Mit der Sicherung wird L. A. K. (50. Armeekorps) beauftragt.“

Die deutschen Truppen hatten gerade ihren Belagerungsring um die Millionenstadt Leningrad geschlossen; das Zarenschloß lag in der Kampflinie und im Bereich der Kronstädter Schiffsgeschütze. Eine russische Bombe hatte den großen Saal aufrissen, Fenster und Türen zerstört. Nicht nur Wind und Wetter hatten freien Zutritt, auch die deutschen Soldaten und ihre Kameraden von der spanischen Blauen Division. In dem Raum, wo die pornographische Sammlung Katharina der Großen zu besichtigen war, mußte man sogar die Fenster mit Brettern vernageln, so groß war der Andrang der Landser. Auf dem Parkett lagen historische Landkarten im Kot. Im Bernsteinzimmer waren schon allerhand Stücke aus den unteren Teilen mit Bajonetten herausgebrochen worden.