Unter den Schachtanlagen, in denen das Bernsteinzimmer hätte eingelagert werden können, fiel der Verdacht im Jahr 1977 auf Volpriehausen. Dort waren 1945 Reste der weltberühmten Bernsteinsammlung der Königsberger Albertina geborgen worden. Man hatte sie 1958 der Göttinger Universität anvertraut; nur die Fachleute wußten davon; öffentliches Aufsehen scheute man, nicht ohne Grund. Solange noch – in der Zeit der sowjetischen Berlin-Ultimaten – vom Friedensvertrag die Rede war, fürchtete man Besitzansprüche der Universität Kaliningrad. Erst 1977 kam die Sache zufällig in die Presse.

Die Universitäten Göttingen und Königsberg hatten schon immer enge Beziehungen unterhalten. Als im Spätsommer 1944 die sowjetischen Angriffsspitzen an der Reichsgrenze standen, fragten die Königsberger an, ob sie Archive und Sammlungen in die Obhut der Georg-August-Universität geben könnten, „falls Ostpreußen vorübergehend verlorengehen sollte“. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Göttinger bereits damit begonnen, Bibliotheken und Sammlungen nach Volpriehausen auszulagern. Der Inhalt von 24 Eisenbahnwaggons wurde in dem angeblich „absolut sicheren“ Bergwerk, in dem eine Heeres-Munitionsanstalt (Muna) eingerichtet war, auf der 660 Meter-Sohle deponiert.

Professor Karl Andree, Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts in Königsberg, suchte aus der Sammlung mit ihren mehr als 100 000 Inklusensteinen die schönsten Stücke heraus und verpackte sie in Kofferkisten (75 mal 45 mal 30 Zentimeter), die mit einem Schloß und der Aufschrift „Bernstein-Sammlung“ versehen wurden. Der Materialverwalter des Instituts brachte im Herbst 1944 zwei Kisten nach Göttingen und wurde von dort gleich weiter nach Volpriehausen geschickt. Obersteiger Marahrens legte die Koffer nicht etwa neben die Bücherkisten der Göttinger Uni, sondern auf der 550-Meter-Sohle unter Bruchgestein. Nur deshalb entgingen sie nach dem Kriege der Plünderung.

Mindestens drei weitere Koffer und eine Kiste wurden im September 1944 ebenfalls per Sonderkurier bei der Munitionsanstalt abgeliefert. Der verantwortliche Offizier ließ sie zwischen die Bücherpaletten schieben. Die Kuriere zeigten dem Hauptmann einen Sonderausweis und Photos von wertvollen Bernstein-Gegenständen, die in der verschlossenen Kiste lagen. Deklariert waren die Behälter entweder als „Mineraliensammlung/Privateigentum“ oder als Verwaltungsgut. Vermutlich sind sie in den ersten Wochen nach der Kapitulation im Mai 1945 von polnischen Fremdarbeitern, britischen Soldaten oder Einheimischen geplündert oder beiseitegeschafft worden.

Alte Bergleute erinnern sich, daß damals allerlei lose Bernsteine im Dorfe herumgezeigt wurden; Kinder spielten damit. Die Steine waren mit Nummern gezeichnet, also unzweideutig Sammlungsstücke. Das Plündern muß sich gelohnt haben, denn dort unten lag unter anderem die gesamte Werkzeugreserve des deutschen Heeres: Ersatzteile, Drehbänke, Meßgeräte, Fernrohre, Radioröhren, Seide. Auch ein versiegelter Schrank mit wertvollem Familiengut stand dort. Nach dem Kriege wurde im Dorf mehrmals wertvolles Meißner Porzellan gesichtet, so daß der Verdacht aufkam, es könne sich um Stücke aus den Zarenschlössern gehandelt haben. Wieso?

Eines Tages in der Endphase des Krieges war nämlich noch ein ganzer Waggon aus Königsberg auf der Rampe der Schachtanlage entladen worden. Sowohl der ehemalige Bürgermeister und Nazi-Ortsgruppenleiter von Volpriehausen als auch der letzte Chef der Muna behaupten, dies sei schon Ende September/Anfang Oktober 1944 passiert. Dem steht die Aussage eines Oberschirrmeisters gegenüber, der Waggon sei erst im Februar 1945 angekommen. Also jener aus Heiligenstadt?

Noch genau erinnern kann sich der Ortsgruppenleiter an die strenge Geheimhaltung. Der Waggon war ihm zuvor von der Reichsbahn angekündigt worden, weil der Frachtbrief auf seinen Namen ausgestellt war. Nur zuverlässige Leute durften ihn entladen. Es waren zwölf Kisten von etwa 1,50 Meter mal 0,80 Meter, verplombt und mit Eisenbändern verschnürt. Der Muna-Hauptmann will nichts über den Inhalt erfahren, ja nicht mal gewußt haben, wo die Kisten abgestellt wurden.