Solches Bild bot sich den deutschen Kunstschutzoffizieren: Rittmeister Dr. Ernst Otto Graf zu Solms-Laubach aus Frankfurt und seinem Begleiter, Hauptmann Dr. Georg Poensgen aus Berlin. Beide unterstanden dem Chef der Heeresmuseen. Im Zivilberuf waren sie Kunsthistoriker und arbeiteten für die preußische Verwaltung Schlösser und Gärten. Was die Sowjets auf ihrer Flucht zurückgelassen hatten, wurde nun von ihnen vor der Zerstörung und Plünderung „sichergestellt“: kistenweise Möbel, Porzellan, Gemälde, Kronleuchter; sogar Parkettfußböden ließ Graf Solms entfernen. Das Kostbarste aber waren die Wandverkleidungen des Bernsteinzimmers.

Ein Unteroffizier und sechs Mann von der 3. Kompanie des Nachschubbataillons 553 montierten in nur 36 Stunden Arbeit das Getäfel behutsam ab (die Mosaiken waren auf Holzplatten geleimt und miteinander verschraubt) und verpackten es sorgfaltig in Kisten. Lastkraftwagen brachten die Kunstgüter zum Bahnhof Siverskoja.

Rettung von Kunstschätzen aus dem Kampfgebiet steht im Einklang mit der Haager Landkriegsordnung. Die Schätze aus den Zarenschlössern wurden zunächst auch korrekt im Etappengebiet der Heeresgruppe Nord verwahrt, teils in Pleskau, teils in Riga. Nur eben das Bernsteinzimmer nicht – es rollte bereits am 14. Oktober nach Königsberg. Einen Monat später, am 13. November 1941, meldete die Königsberger Allgemeine Zeitung: „Wände aus Bernstein im Schloß“.

Alfred Rohde, der Direktor der Königsberger Kunstsammlungen, hatte dieses Meisterwerk barocker Inkrustationstechnik im Obergeschoß des Ordensschlosses, gleich neben dem Lovis-Corinth-Gedächtnissaal, wiederaufbauen lassen. Rohde, ein exzellenter Kenner der Bernsteinkunst, hatte selber bei Feldzugsbeginn darum gebeten, das Bernsteinkabinett zu retten. Sein Vorgesetzter, Direktor Gall von Schlösser und Gärten in Berlin, sorgte für die Überführung nach Königsberg.

Freilich war das neue Zimmer kleiner als das alte in Puschkin; darum mußte Rohde die langen schmalen Spiegelfelder und die mit Bernstein besetzten Füllstücke weglassen. Auch fehlten noch zwei Türen. Rohde forderte sie am 13. Januar 1942 nach, und sie wurden auch prompt Ende Januar mit der Bahn geschickt – wohlgemerkt zu einer Zeit, als die Heeresgruppe Nord in der Winterschlacht schwer zu ringen hatte.

Im Frühjahr hatte der ostpreußische Landeshauptmann Helmut von Wedelstädt das Bernsteinzimmer feierlich in die treuhänderische Obhut der Stadt gegeben. Es wurde zur Besichtigung freigegeben und sogleich in die fünfte Auflage von Rohdes Schloßführer aufgenommen: „Bernsteinzimmer Friedrichs I. aus Zarskoje Selo bei Leningrad“. Inmitten der neuen kostbaren Umgebung standen die Vitrinen mit den Bernsteinarbeiten der städtischen Sammlungen.

Zweifelsohne sollte dieses Juwel der Bernsteinkunst nach dem als sicher erwarteten Sieg über die Sowjetunion für immer in Deutschland bleiben. So schrieb Alfred Rohde 1942 im Augustheft der Kunstzeitschrift Pantheon, das Bernsteinkabinett sei „zurückgekehrt in des Wortes bester und tiefster Bedeutung in seine Heimat, der (sic!) eigentlichen und einzigen Fundstelle des Bernsteins.