Von Frithjof Heller

Hart, zäh, fleißig, sparsam, abgeschlossen, allem Fremden und Neuen abgeneigt, das Irdische über das Überirdische setzend – das gibt zwar kein Idealbild, aber doch das Bild eines tüchtigen Stammes."

So beschreibt Theodor Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" vor 120 Jahren die Bewohner des Havelstädtchens Werder bei Potsdam.

Um 1650 hatten holländische Einwanderer die Kunst des Obstanbaus eingeführt, wozu sich der lehmig-sandige Boden des Havellandes gut eignete. Die Werderaner nannten sich nie "Bauern", sondern stets "Obstzüchter."

Besonders auf den Schultern der Obstzüchterfrauen lastete der größte Teil der Arbeit, wie er heute kaum vorstellbar ist. Nach dem Verladen der Ware, der in Obsttinen verladenen Kirschen, Erdbeeren und Pfirsiche auf flache Havelkähne (Schuten), ruderten die Frauen nachmittags havelaufwärts nach Berlin zum Werderschen Markt. In der Nacht kamen sie dort an. Nach kurzer Ruhe in elenden Quartieren ging es ab 3 Uhr morgens an den Verkauf des Obstes. Gegen 9 Uhr trafen sie dann mit der Eisenbahn wieder in Werder ein. Nun mußte die Familie versorgt und das Obst geerntet werden, bis es nachmittags erneut auf Berlin-Tour ging...

120 Jahre später hat sich allerlei gewandelt. Werder, in der DDR gelegen, ist zum expandierenden Zentrum des havelländischen Obstanbaugebietes geworden. Es umfaßt etwa 30 Dörfer, von Potsdam im Osten bis Brandenburg im Westen. Seit 1975 ist das Havelland außerdem noch Zentrales FDJ-Jugendobjekt und "Apfelintensivanbaugebiet" der DDR. Dem Besucher fallen die kilometerlangen Apfelplantagen ins Auge. Den Obsttransport in beide Teile Berlins haben Güterwaggons und Lastkraftwagen übernommen.

Die Ostberliner Autorin Gabriele Eckart hat die Obstbauern dieser Region besucht. Sie konnte Fontanes Einschätzungen auf erfrischende Art relativieren. Ihre Tonbandprotokolle von 21 Menschen aller sozialen Schichten lassen uns Anteil nehmen an deren Sorgen und Freuden und nehmen uns mit hinein in den DDR-Alltag – auf eine aus westlicher Sicht bisher selten eindringliche Weise.