Von Jochen Kuhnen

Hochschule in ihrem Verhältnis zur Region: Heißt das nicht, Wissenschaft auf regionale Schlüsselprobleme zu beziehen? Hans Dieter Müller ging (in der ZEIT Nr. 41) dieser Frage am Beispiel der Universität Bremen nach. Jochen Kuhnen sieht die Beziehung von Wissenschaftlern der Gesamthochschule Kassel zur nordhessischen Region anders: als die zwiespältige Chance zur Rekonstruktion von Heimat.

Im Großformat prangt es 1981 von allen Plakatwänden in Nordhessen: Unsere Universität beißt: GhK. Zehn Jahre Gesamthochschule Kassel, Universität des Landes Hessen. Für eine neugegründete Hochschule ist der Bezug zur Region offensichtlich überlebenswichtig. Und wer sich die Mühe macht, im Hochschulalltag Bezüge zur Region aufzuspüren, findet eine Fülle von Versuchen, der öffentlich verkündeten Selbstverpflichtung auch nachzukommen.

Daß sich Regionalbezug nicht konfliktfrei vollzieht, ist nicht verwunderlich. Wer die wirtschaftlichen Probleme der Region damit begründet, daß einige Großunternehmen Nordhessen nur als verlängerte Werkbank benutzen, muß mit Schelte aus den Chefetagen rechnen. Wer Unternehmensführungen bei Innovations- und Rationalisierungsvorhaben berät, hat den Dauerkonflikt mit den Gewerkschaften vorprogrammiert. Wer Studenten eine kritische Begleitung ihrer Praxiserfahrungen anbietet, wird vielleicht schon bald einige Praxisstellen verlieren.

Region: Das war bis in die jüngste Vergangenheit hinein ein Hinterland für große und kleine Metropolen, mit billigen Arbeitskräften, Natur als Freizeitartikel, land- und forstwirtschaftlichen Produkten, Trinkwasser und Bodenschätzen. Region als Verfügungsmasse? Ein solches Konzept gehört zunehmend der Vergangenheit an. Heute werden "Potentiale" zum Nutzen der Region ermittelt und entwickelt. Denn Regionen sind grundsätzlich unterentwickelt und strukturschwach. Ihnen muß geholfen werden. Nachdem vor allem landwirtschaftliche Klein- und Mittelbetriebe systematisch zerstört wurden, gilt es nun, in der Region Arbeitsplätze zu schaffen. Nachdem Selbstverwaltung und kulturelle Entfaltung durch Gebietsreform und Zentralisierung abgebaut wurden, muß nun Kultur, Leben und Eigenverantwortlichkeit in die Region getragen werden; mal als neue Technologie, mal als Planungskonzept, mal als Hilfe zur Selbsthilfe. Ein schier unerschöpfliches Aufgabenfeld auch für die Wissenschaft.

Produktivkraftentwicklung in Nordhessen, Technologie- und Innovationsberatung, Biogas-Anlagen in der Landwirtschaft, Wasserkraftnutzung in Nordhessen, biologische Kleinkläranlagen, biologisches Bauen, Nutzung lokaler Ressourcen, Beratung landwirtschaftlicher Umstellbetriebe, Öko-System Wald – das sind einige der Projekte an der Gesamthochschule Kassel, die versuchen, Entwicklungshilfe für die Region Nordhessen zu leisten.

Wenn der promovierte Biologe auf dem elterlichen Bauernhof aus dem Fenster schaut, hat er einen Hügel vor Augen, auf dem ihm jedes Fleckchen vertraut ist und sich mit Bildern aus der Kindheit von Hasenjagden, Baumnestern und verbotenen Feuern verbindet. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt eine Systemstudie über eben diesen Hügel, in der er versucht hat, den komplexen Zusammenhängen im Öko-System Wald auf die Spur zu kommen. Der Hügel, die Landschaft seiner Heimat liegt dem Biologen, der nebenher auch noch Landwirtschaft betreibt, am Herzen. Darum ist er als Wissenschaftler in Naturschutzverbänden engagiert und versucht, seinen Studenten die Augen für die Gefährdungen der nordhessischen Region zu öffnen. Und doch ist er unsicher, ob die immer genaueren Untersuchungen der verschiedenen Öko-Systeme wirklich noch den gleichen Gegenstandsbereich meinen, dem sein Herz gehört. Zerstört Wissenschaft Zugang zu dieser Landschaft?