Von Horst Bieber

Bücher werden, obwohl die Autoren es oft nicht glauben wollen, nach Titel und Untertitel gekauft (die Verlage sollten es besser wissen). Diskrepanzen zwischen dem, was der Titel verspricht, und dem Inhalt verärgern deswegen so nachhaltig wie unnötig. Diese Vorbemerkung ist leider unerläßlich bei dem in sympathischem Grün verdeckelten Buch von

Arnim Bechmann: "Leben wollen. Anleitung für eine neue Umweltpolitik"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1984; 346 S., 19,80 DM.

Der Inhalt: Eine ungewöhnlich vollständige, fakten- und zahlenreiche Darstellung der Umweltpolitik in der Vergangenheit. In dieser Konzentration, Übersichtlichkeit und Klarheit ist selten dargestellt worden, wie die Umwelt belastet worden ist, belastet wird und noch belastet werden soll. Knapp, treffend und nüchtern hat der Autor aufgezählt, was die Bundesrepublik seit 1969/70 unternommen hat, welche Widerstände sich dem Umweltschutz entgegenstellten und warum die Situation sich dennoch verschlechtert hat. Die Gründe dieses Scheiterns werden vorgeführt; die Schlußfolgerungen sind so richtig wie überzeugend; kurz: Es handelt sich um ein vorzügliches Kompendium, das uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Eines ist es freilich nicht: eine "Anleitung für eine neue Umweltpolitik". Die in diese Richtung zielenden Vorschläge füllen weniger als zehn Seiten und verraten den ganzen Zwiespalt, in dem die Umweltbewegung heute steckt.

Einerseits meint auch Bechmann, es wäre schon viel gewonnen, wenn die Grenzwerte der heute existierenden Gesetze, Vorschriften etc. nur verschärft würden und eine verstärkte Kontrolle sicherstellte, daß die existierenden Bestimmungen auch eingehalten werden. Unter "Vollzugs-Defizit" oder "Vernachlässigung des Vorsorgeprinzips" zählt diese Betrachtungsweise mittlerweile zum Standardrepertoire der berechtigten Anklagen.

Andererseits kann der Autor die Augen nicht davor verschließen, daß dieser laxe Umgang mit Prinzipien und Gesetzestexten mehr ist als das – verständliche und entschuldbare – Hinterherhasten einer gutwilligen, aber durch die Fülle der Vorschriften überforderten Industrie und Verwaltung. Er beschreibt selbst an verschiedenen Stellen, daß dem durchaus nicht so ist, daß zäher, hinhaltender Widerstand geleistet wird, daß die alte Idee vom allein selig machenden Wachstum längst noch nicht abgestorben ist – im Gegenteil. Wenn aber die vergleichsweise lasche Praxis von heute solche Ergebnisse bringt, wie soll eine verschärfte Praxis von morgen besseres Umweltverhalten erzeugen?