Wirklich neu ist die Rückkehr optimistischer Farben. Ihre Skala reicht von pastellig sanft bis klar, laut und ungemischt wie im Kindermalkasten. Zu Schwarz/Weiß zeigt sich plötzlich – wie ein Rufzeichen – sparsam eine laute Farbe. Die Dessins der Saison sind gigantische Blüten, Blätter und Palmenzweige auf Organza und Seiden. Sogar die Japaner, vor kurzem noch als Trendsetter für Tristesse neugierig beobachtet, werben mit Farben und Dessinierungen.

Zum Nachwuchs-Clan, der noch immer glaubt, Mode als Bürgerschreck mit greller Schminke, verklebtem Haar und Nabelschau einsetzen zu müssen, gehört als Leitfigur Jean Paul Gaultier. Er läßt sich am liebsten von Häßlichem inspirieren. Seine skurrile Show, Motto: "Eine Mode für Zwei", wurde wie immer gestürmt. Sie ist gespickt mit neuen Ideen, die er durch Kleidertausch am Podium, wie Sarong für Sie und Ihn, weise überspielen läßt.

In Hochform ist Karl Lagerfeld. Für seine eigene Kollektion hat er mit dem Micro-Look eine totale Verschiebung der Proportionen erreicht. Er kürzte nicht nur die knappen Röcke, sondern alle Blousons, Hemdjacken und schnell noch die Krawatten. Üppig wirken diese Oberteile mit halsfernen breiten Reverskragen und ohne Schulterpolster. Die "neue Kurve" wird nur durch einen ovalen Ärmelschnitt erreicht. Dazu gehören sehr helle und dunkle Strümpfe zu weißen, flachen, dunkel geschnürten Schuhen und "Zylinder" mit gerader Krempe. Kleider betonen die Figur, oft zeigen sie nur im Rücken kubistisches Dessin. Dann folgt Pastellfarbenes mit Schmuck à la "petits fours", Hüte wie Torten, als hätten sich die Mannequins in einem feinen Tee-Salon selbst bedient.

Ganz anders zeichnete Karl Lagerfeld die neue Coco-Pret-ä-porter-Kollektion: die Schultern breit, leicht abgerundet, die Röcke für tags deutlich gekürzt, obwohl Chanel einst den Blick auf’s Knie haßte. Auf diese Weise hofft er die nachwachsende Generation zu erreichen, sie aber gleichzeitig mit dem unverwechselbaren Chanel-Stil zu verführen.

Mit den Boutique-Kollektionen der Haute-Couture-Häuser kommt schließlich die Comme-ilfaut-Elegance zum Tragen. Taille wird gezeigt, Hüften samt Po, mit Schärpen oder Drapierungen straff umwickelt.

Mit seiner "Rive-gauche"-Kollektion demonstrierte Yves Saint Laurent, daß weder "kurz" noch "lang" verwegen neu sind. Tags bedecken seine Röcke wie immer nur knapp das Knie, die Schultern wirken breit und sind abgerundet. Neben langen, bequem geschnittenen Hosen ließ er gleich zu Beginn eine Serie von Overalls ausschwärmen, die sich mit Schärpengürtel aus Leder oder Taft bis zum kleinen Abendanzug abwandeln lassen. Mit Farben als Dreiklang, wie Mohn zu Purpurrot und Schwarz, oder Türkis zu Rauchblau und Melonenrosa bleibt YSL unerreicht. Seinem Motto getreu, Kleider haben gute Begleiter am Tag und Schönmacher am Abend zu sein, hat er seine Kundinnen wieder einmal beruhigt entlassen.