Schreien und Grenzen

Abenteuer meiner Seele“ von Moritz Boerner. Menschen, die sich vor der Kamera entblättern, regen niemanden mehr auf. In bestimmten Lichtspielhäusern, die bahnhofsnahe Standorte bevorzugen, ist Fleischlichkeit bis ins Detail zu besichtigen. Da muß ein Regisseur, der neue Wahrheiten jenseits nackter Wahrheiten bloßlegen will, schon ausgesprochen findig sein. Moritz Boerner, der schöne junge Menschen in „Catch Your Dreams“ Schönes treiben ließ, bleibt beim Strip total nicht stehen. Jetzt sollen seine Akteure außer ihrer Körperlichkeit auch ihr Innenleben enthüllen. Er will an Stelle gespielter Gefühle echte Wut, echte Trauer, echte Zärtlichkeit zeigen. Der Regisseur versammelt in einem Haus acht Personen zu einem gruppendynamischen Experiment. Die abgebrochene Studentin Antje, der Diplomingenieur Jürgen, die ehemalige Krankenschwester Karin, die Therapeutin Margo und die anderen sollen es dort, abgeschlossen von der Außenwelt, sechs Tage lang miteinander aushalten. Was dabei herausgekommen ist, hat Boerner zum „Abenteuer meiner Seele“ verschnitten. Die Menschen sagen Bedeutendes („Liebe ist immer ein Fluß, der nie aufhört, sich zu bewegen.“) und weniger Bedeutendes („Whow“), sie küssen und sie schlagen sich, sie schreien und grunzen. Zwischendurch liegen sie um einen Kristall herum, den Boerner mystisch-geheimnisvoll leuchten läßt – schließlich weist sich der Arrangeur mit rotem Gewand als Jünger von Meister Bhagwan aus. Beim Finale sinkt Petra in die Arme von Ariel, und Rundungen füllen die Leinwand. Das ist, zumal ästhetisch beleuchtet, eine nicht zu leugnende Augenweide. Doch die Schlußverschlingung fügt sich in das ein, was knapp 90 Minuten lang vorher zu sehen und zu hören war: trotz allseitiger Bemühungen von gelegentlich beachtlichem Stimmvolumen nichtssagender Exhibitionismus. René Gralla

Schuß für Schuß

„Rote Sonne“ von Rudolf Thome, aus dem Jahr 1969. Als viele sich aufmachten, gesellschaftliche Normen und Grenzen aufzubrechen. So auch vier Mädchen in München. Die bringen ihre Männer um – spätestens fünf Tage nach der ersten Begegnung. „Schließlich haben sie es verdient“, sagt eins der Mädchen, und: „Wir machen das nicht aus Spaß. Vielleicht bringen wir etwas in Gang.“ Wichtiger aber als die behauptete Intention ist die spielerische Atmosphäre des Films, die ausgeht von lässigen Sprüchen, doppeldeutigem Tun (Buch: Max Zihlmann) und Thomes cooler Inszenierung. Das Leben ist Liebe und Spiel, also Kino. Alles nur geträumt: Wahnsinn und Schönheit ins Alltägliche gesteigert. Die Farben sind grell, die Röcke der Mädchen kürzer als kurz, die Autos haben Stil, und der Typ, der schließlich alles durcheinanderbringt: Marquard Böhm, ist spontan und neugierig, wild und verrückt. Das Ende ist pures Showdown, Schuß für Schuß: vor dem roten Sonnenaufgang überm Starnberger See. Zusammen mit „Detektive“, den Rudolf Thome ein Jahr früher drehte, ist „Rote Sonne“ fürs Kino, was Roland Barthes für die Literatur einmal „Texte der Wollust“ nannte: Wo alles geschieht, alles sich genießt im Moment des ersten Blicks. Ein Film, „der in den Zustand des Sichverlierens versetzt“. Norbert Grob

Sehenswerte Filme

„Broadway Danny Rose“ von Woody Allan. „Kante Kid“ von John G. Avildsen. „Picasso“ von Henri-Georges Clouzot. „Rumble Fish“ von Francis Ford Coppola. „Repo Man“ von Alex Cox. „Schiff der Träume“ von Federico Fellini. „Rembetico“ von Costas Ferris. „Trost“ von Serif Gören. „Wo die grünen Ameisen, träumen“ von Werner Herzog. „Stranger than Paradise“ von Jim Jarmusch.