An Kreuzberger Schulen, die das tägliche Geschäft der deutsch-türkischen Gemeinschaftserziehung besorgen müssen, tut man sich schwer, wenn es um staatliche Weisungen geht. Daß sich hier eine breite Front von Eltern und Lehrern gegen einen Rechtschreibtest zusammenfinden würde, den die Schulsenatorin Launen allen Berlinern Kindern zu Beginn der zweiten Klasse verordnet hat, war nur eine Frage der Zeit.

Immer mehr Eltern und die beiden Oppositionsparteien in der CDU/FDP-regierten Stadt, zweifeln an der Qualität und am Sinn des einst von Schulpsychologen entwickelten Rechtschreibtests, dem sich allein Kreuzberger Zweitkläßler noch nicht zu unterziehen brauchten, weil man ihnen eine Fristverlängerung bis Dezember gewährte. Die Eltern fürchten vor allem um den Datenschutz, denn auf dem Test, eine Latte aus 32 Sätzen, deren Lücken mit einem Wort auszufüllen sind, stehen die Namen der Kinder und der Lehrer. Sie bemängeln außerdem, daß hierfür am Beginn der zweiten Klasse der Wortschatz von zwei vollen Schuljahren vorausgesetzt wird.

Der Stein des Anstoßes, den bereits vor zehn Jahren ein sozial-liberaler Senat ins Rollen gerecht hat, beschäftigt inzwischen ganz Berlin, obwohl die anderen Bezirke ihr Test-Soll termingerecht erfüllt haben. Auch wenn man in der Schulverwaltung "nicht ganz glücklich" mit dem Verfahren ist, wie der zuständige Beamte, Dieter Sommerlatte einräumt, will man sich durch Kreuzberg nicht vom einmal eingeschlagenen Weg abbringen lassen. Nach zehn Jahren wolle man sich mal wieder ein Bild von den Rechtschreibkünsten aller zweiten Klassen machen. "Die Keule", verspricht Sommerlatte, "wird über weniger erfolgreichen Lehrern und Schülern nicht geschwungen. "

Ihm geht es darum, nach zehn Jahren mit einer neuen Schülerschaft eine neue Fehlerhäufigkeits-Tabelle zu erarbeiten, sie wieder zu "eichen". Anonymität für die zentrale Auswertung wird zwar zugesichert, Namen der Lehrer und Schüler sollen die Grenzen des Bezirks nicht verlassen, genau das aber wollen viele nicht so recht glauben. "Hartes Datenmaterial" erwartet man in der Schulverwaltung von dem Rechtschreib-TÜV nicht, eher eine Hilfestellung für den Lehrer, dem die Chance gegeben werden soll – falls er sie noch nicht erkannt haben sollte leistungsschwache Kinder zwecks besonderer Förderung zu entdecken. "Wir wollen das objektivieren", doch Eltern und Lehrer befürchten ein Herumspionieren.

Sie halten den Befürwortern eines landesweiten Tests vor, daß schon jetzt offenkundig förderbedürftigen Schülern keine Sonderkurse gegeben werden können, weil wegen der öffentlichen Sparpolitik die Lehrkräfte fehlen.

Derzeit überlegen Kreuzberger Eltern, mit welchem Trick sie die Teilnahme ihrer Kinder an dem Test verhindern, wenn nicht überhaupt den Dezember-Termin zu Fall bringen können. Das Spektrum bisheriger Planspiele reicht vom offenen Boykott über die Krankmeldung der Schüler bis zur gerichtlichen Klage.

Doch auch ohne ihr Zutun ist der Berliner Rechtschreibtest bereits zur Farce geworden. Der Landeselternausschuß wußte kürzlich von Lehrern zu berichten, die mit ihrer Klasse den Wortschatz des allgemein als Geheimsache gehüteten Tests schon vorher geübt hatten. Neuerdings kursieren auch schon Kopien des Streitobjekts in großer Auflage unter Kreuzberger Eltern, so daß sie mit ihren Kindern die Lücken der 32 Sätze bald im Schlaf füllen können. Kreuzberger Zweitkläßler haben so die Chance, zu Berlins Rechtschreibkünstlern aufzusteigen.

Dorothea Hilgenberg