Das Land braucht vor allem eine Erneuerung seines geistigen und politischen Bewußtseins

Von Helmut Schmidt

Über Japan nachdenkend erinnere ich mich an ein Gespräch, in dem Hans-Guenther Sohl, damals der starke Mann der deutschen Stahlindustrie, mich mit großer Besorgnis darauf hinwies, das japanische Bruttosozialprodukt sei erstmalig größer als das unsrige. Ich reagierte sehr gelassen: Schließlich sei das japanische Volk beinahe doppelt so zahlreich wie wir, und es sei kein Grund zur Sorge, wenn das Einkommen pro Kopf sich in Tokio langsam unserem höheren Lebensstandard annähere. Später erlebte ich, wie Japans wirtschaftlicher und technischer Aufstieg Graf Lambsdorff erschreckte – er sah unsere eigene Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Die Amerikaner und die EG betrachten Japan heute sogar als handelspolitischen Gegner, der mit angeblich unfairen Mitteln die Konkurrenz aus dem Feld schlage und der deshalb zu "freiwilligen Selbstbeschränkungen" gezwungen werden müsse.

Seit meiner ersten kleinen Arbeit vor 35 Jahren – über Japans Währungsreform gleich nach dem Krieg – und meinem ersten Besuch vor 25 Jahren habe ich Japan immer ganz anders gesehen. Nämlich zuerst als ein Land, dessen Volk – ähnlich wie wir Deutschen – von einem größenwahnsinnigen militärischen Imperialismus zu entsetzlicher Drangsalierung seiner Nachbarvölker verführt und dafür mit totaler Niederlage und mit fast totaler Zerstörung bestraft worden war. Ein Land, das nach einem Intervall dumpfer Erschütterung mit abermals enormer Energie an den Wiederaufbau seiner Städte und seiner Wirtschaft gegangen war. Ein Land, das politisch weitgehend fremdbestimmt wurde, das aber durch seine Arbeitsleistung – ähnlich wie wir Deutschen – den Weg zu einer neuen Identität zu finden im Begriff war. Schließlich sah ich ein Volk von völlig anderer kultureller Tradition – völlig fremd auf den ersten Blick, aber zugleich ungemein anziehend: seine Schreine und Pagoden, seine Holzschnitte, seine Tuschmalerei, seine schönen Künste insgesamt.

Inzwischen sind zwar einige Parallelitäten deutlicher hervorgetreten – aber auch kategorische Verschiedenheiten im nationalen Schicksal. Dabei sind die großen internationalen Erfolge von Toyota oder Fuji oder Sony ebenso wie diejenigen von Mercedes oder Bayer oder Siemens gewiß nicht unbedeutend. Insgesamt unterscheiden sich die technologischen und wirtschaftlichen Erfolge Ja-, pans oder der Bundesrepublik nicht wesentlich voneinander – entgegen den oben zitierten Vor- und Fehlurteilen. Freilich sind gegenwärtig japanische Unternehmensleiter im Schnitt etwas tüchtiger als ihre deutschen Kollegen; freilich sind Lohn- und Lohnnebenkosten in Japan niedriger als bei uns. Aber Grundlagenforschung und Basisinnovation sind dort nicht sehr breit abgestützt. Insgesamt ist der japanische Export geringer als der deutsche – obgleich Japans Bevölkerung und Volkswirtschaft wesentlich größer sind. Schließlich ist unser Lebensstandard deutlich höher. Also kein Grund zu Futterneid!

Beide Wiederaufbau-Nationen stehen heute, vier Jahrzehnte nach Beginn des Wiederaufbaus, vor neuartigen Problemen. Dabei unterscheiden sich die außenpolitischen Problemstellungen grundlegend, die wirtschaftlichen Problemstellungen erheblich. Am ähnlichsten erscheint mir die Erschöpfung der psychischen Vitalität; sie wird in einem größeren und zugleich wichtigen Teil der jüngeren Generation beider Völker sichtbar – in deren Mangel an Lebensinhalt und Lebensziel, im Fehlen objektiver Pflichten und subjektiver Aufgabenstellung, in der Skepsis gegenüber der Zukunft und im Zweifel am Sinn des eigenen Lebens.

Hintergrund und Ursachen dieses Phänomens sind in Japan ähnlich wie bei uns. Die älteren Generationen, welche die Leiden des Krieges überlebt hatten, haben schwer gearbeitet, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, als sie selbst es gehabt hatten. Sie haben eine große Arbeitsdisziplin auf sich genommen, aber auch eine große politische Disziplin; sie haben sich der von McArthur verordneten demokratisch-parlamentarischen Verfassung willig eingeordnet, obschon sie in der japanischen Kultur und Geschichte keinerlei bedeutsamen Anker hatte. Sie haben sich den oktroyierten Verzicht auf eigene Streitkräfte zu eigen gemacht, weil sie unter Militarismus und Imperialismus genug gelitten und jede Wiederholung, jeden Rückfall zu fürchten gelernt hatten. Friedenspolitik nach allen Seiten, wirtschaftliches Wachstum und eine Diplomatie der Rohstoff-Sicherung wurden zu den Leitideen einer religiös nicht sehr tief gegründeten Gesellschaft. Es herrschte große Bereitwilligkeit, technisch, wirtschaftlich und sozialorganisatorisch vom Westen zu lernen, sich anzupassen und die Anwendung westlicher Methoden und Technologien zu verfeinern und zu übertreffen.