Italien, die Mafia, das Attentat auf den Papst

Von Henning Klüver

Italien durchlebt wieder einmal einen heißen Skandalherbst. Im Hintergrund des Freikaufs des Christdemokraten Cirillo, der im April 1981 von den Roten Brigaden entführt worden war, zeichnet sich deutlich die "Vermittlerrolle" der neapolitanischen Camorra ab. Im Zusammenhang mit der Mafia und dem ehemals als "Finanzgenie" und "Retter Italiens" gefeierten Bankrotteur Michele Sindona, kommt Außenminister Andreotti immer mehr in den Verdacht, seit vierzig Jahren Politik als geschicktes Ein- und Ausfädeln obskurer Geschäfte mißverstanden zu haben. Bei einer parlamentarischen Untersuchung der Geheimdienste sind jetzt Beweise aufgetaucht, daß Teile der Führung des SISMI, des militärischen Abwehrdienstes, zu den Mandanten des Anschlags auf den Bologner Zentralbahnhof gehörten, bei dem am 2. August 1980 85 Menschen ums Leben kamen. Gar nicht zu reden von der Loge "Propaganda 2", die sozusagen als Gewebe diese drei Skandale zusammenhält.

Die Entrüstung in der Bundesrepublik Deutschland über solche bananenrepublikanischen Zustände fällt verständlicherweise angesichts des Skandal-Flickflacks von Lambsdorff zu Barzel (und wer weiß noch zu wem) verhalten aus. Zumal sich auch hierzulande die Erkenntnis durchsetzt, daß Skandale durchaus auch ein Mittel der Politik sein können. Vor allem in Italien werden sie politisch nicht nur genutzt, sondern auch lanciert, um dem jeweiligen Freund (Feind) zu helfen (zu schaden) und um die eigene Machtposition im Kampf der Oligarchien zu stärken. Da die Presse mal unfreiwillig, mal auch freiwillig als einzig möglicher öffentlicher Austragungsort der Skandale dient (wo nichts publik werden kann, kann auf diese Art nicht Politik gemacht werden), kann der einzelne Leser, Hörer, Zuschauer kaum die verwirrenden Halbwahrheiten und Verbindungen zwischen res publica und res oscura zu einem verständlichen Gesamtbild zusammensetzen. Denn ein Skandal ist im Sinne derjenigen, die damit Politik machen, nur dann ein guter Skandal, wenn man nicht weiß, ob das Bekanntgewordene nur die Spitze eines riesigen Eisbergs ist oder bloß die einer Scholle. In dieser Situation ist es hilfreich, ein Buch in die Hand zu nehmen, das sich mit der res oscura beschäftigt, wie –

Jürgen Roth/Berndt Ender: "Dunkelmänner der Macht. Politische Geheimzirkel und organisiertes Verbrechen"; Lamuv Verlag, Bornheim-Merten 1984; 265 S., 24,– DM.

Den Autoren geht es darum, demokratische Transparenz herzustellen. Sie möchten zeigen, was sich hinter den parlamentarischen Kulissen abspielt, "heimliche Machtkartelle, die Kulissenschieber und ihre Hintermänner enthüllen".

So beschäftigen sie sich ausgehend vom Papst-Attentat mit der "schwarzen Internationale", wie sie die Verbindungen von Geheimdiensten, ultrarechten Politikern und rechten Terrororganisationen nennen. Als Fallbeispiele werden Italien und die Bundesrepublik Deutschland geboten. Das Fehlen Frankreichs in diesem Zusammenhang, wo sich doch nicht erst seit Le Pens spektakulären Wahlerfolgen ein Knotenpunkt im rechtsradikalen Informationsnetz gebildet hat, überrascht.