ARD, Donnerstag, 8. November: "Mangel an Liebe – Diskussion über Probleme einer Überflußgesellschaft."

Neunzig Minuten zur besten Sendezeit über einen fundamentalen Stoff, der nicht nur jeden angeht und bis in die tiefe Seele betrifft, sondern der auch Gemeinwesen und Gesellschaft charakterisiert: Mangel an Liebe, an Rücksicht, an Humanität, an Solidarität. Eine ungeheure. Chance für Millionen Zuschauer, über sich selbst etwas zu erfahren, eine oder zwei veritable Einsichten, die nicht nur Vorwürfe und Schuldzuschiebungen sind, sondern aus sich heraus wirken können – das alles wäre möglich gewesen. Aber die Gelegenheit starb dahin, wurde in Schau und Geschwätz begraben. Nur wenige matte Lichter ließen an diesem langen Abend ahnen, was an Erhellung und Selbstbeleuchtung hätte angesteckt werden können.

Heidi Adele Albrecht, unskeptisch bis zur Ahnungslosigkeit, von oberflächlichster Zungenfertigkeit, verkaufte naiv ihre unantastbar heilen Vorstellungen. Pfarrer Adolf Sommerauer ließ seinen pfarrherrlichen gesunden Menschenverstand sprechen. Henning Scherf folgte seinem Instinkt und nahm das Ganze nicht besonders ernst. Heinrich Weiss fühlte sich bemüßigt, das Problem aus dem Gesichtswinkel der Unternehmer und der Marktwirtschaft zu sehen – als Einzelperspektive wirkt das fast schwachsinnig –, und Ernest Bornemann, mancher Einsicht auf der Spur, sexualisierte das Thema zu stark und warf sich zuviel in die Brust. Der einzige, der die anspruchsvollen Thesen der Sendung anspruchsvoll prüfte, war Oskar Lafontaine, auch er nicht ungeschwätzig. Aber er arbeitete die einzige praktische Erkenntnis der 90 Minuten heraus: wie sehr Arbeitswelt und privates Leben auseinanderklaffen. Dort herrschen Leistungsdruck und Konkurrenz, hier soll plötzlich auf das Gegenteil, auf Wärme und Zuwendung umgeschaltet werden.

Warum braucht eine solche Sendung eigentlich drei Moderatorinnen? Warum tut es nicht eine? Wozu die Zuschauer und das bahnhofshallenartige, kalte Ambiente, warum kein freundlicher, intimer Raum, der nicht seinerseits die abgehandelte These verstärkt?

Die labernde Diskussion mit so verschiedenartigen Teilnehmern, die allesamt keine Fachleute sind, mit Moderatorinnen, die Ursachenforschung schon abwehrten, als noch gar keine Ursache erwähnt worden war (es blieb durchweg bei Beschreibungen), die partout auf Auswege hinauswollten (die man ohne Kenntnis der Ursachen nicht findet) – diese oberflächliche und schwankende Diskussion verwirrte und verwehrte eher Einsichten: wer ein im Grunde intellektuelles und denkensches Thema als Unterhaltung abhandeln will, kann nur an der Oberfläche herumschlittern.

Daß die These vom Mangel an Liebe – absolut – stimmt, darüber gibt es wohl kaum Zweifel. Aber stimmt sie auch relativ? Waren früher, sind anderswo die Menschen wärmer zueinander, unter ihren speziellen Bedingungen? Großes Fragezeichen. Wo liegen die Zusammenhänge zwischen Wohlstand (Überflußgesellschaft) und Kälte? Gibt es sie überhaupt bei näherem Betrachten? Oder sind die Ursachen in der Übervölkerung zu suchen, in der irrwitzigen Lebensenge und der Masse der Fremden um das Einzelwesen herum, einer Masse, die es früher so nie gab?

Ich stelle mir vor, zwei Philosophen (Berufsdenker!), ein Anthropologe, ein Soziologe, der fremde Völker kennt, ein Historiker, der das Mittelalter beherrscht, vielleicht ein Psychoanalytiker und noch ein Kenner der Weltliteratur hätten unter der Leitung der Moderatorin Elke Hockerts-Werner in einem kleinen, warmen Raum über mangelnde Wärme und Solidarität in modernen Industriegesellschaften diskutiert: es wäre mehr herausgekommen als das unverbindliche Tohuwabohu der realen Sendung. Aber zu so etwas kann sich das Fernsehen wohl für 20.15 Uhr nicht aufraffen. Übrigens: Nach der vergeblichen Show über den Mangel an Liebe folgte eine Sendung mit der Bezeichnung "Glücksspirale".

Hanno Kühnert