Von Hanno Kühnert

London

Alfred Kerr war schon 53, als seine 23jährige Frau Julia in Berlin 1921 nach vierzigstündigem Leiden einen Sohn gebar. Der sarkastische und gefürchtet-bissige Theaterkritiker hat darüber eine liebevolle Notiz geschrieben: "Sonne fällt herein. Jemand liegt halbschlummrig da. Nicht weit ab steht ein Körbchen – mit weißem Tüll oder Musselinvorhang. Unter diesem Schleier liegt, zwei Tage alt, winzig, ein neuer Mensch. Das ist mein Sohn: Michael... Das rätselhafte, lieblich-zierliche Geschöpf... das Kerlchen ... Flaumsacht wie ein Elferich."

In einem ehrwürdigen, dunklen, holzgetäfelten Raum der Royal Courts of Justice, des britischen Gerichtskomplexes im Zentrum Londons, sitzt ein 63jähriger Mann und erzählt ein ungewöhnliches Leben. Aus einem regelmäßigen Gesicht mit kräftigen Zügen sehen hellblaue Augen den Reporter an. Der mittelgroße Herr, der fließend deutsch spricht, ist großer Offenheit und Mitteilsamkeit fähig, wenn man ihn darum bittet; er vermittelt Distanz und Wärme in einer seltsamen, aber angenehmen Mischung. Heikle Themen, die ihn sehr persönlich betreffen, vermag er freimütig, mit Ernst und auch Emotion, zu erörtern. Eine ganz schlichte, unbemühte Autorität geht von ihm aus.

Kein Wunder: der Mann, der viel jünger und drahtiger aussieht, als es die Zahl 63 suggeriert, ist Right Honourable Lord Justice Michael Kerr, einer der hohen Richter Großbritanniens, von Königin Elizabeth zum Ritter gemacht, einer von 21 Richtern des Londoner Court of Appeal, des höchsten Berufungsgerichts, über dem nur noch die neun Law-Lords thronen. Und Michael Kerr ist der Sohn von Alfred Kerr, den viele Deutsche nicht vergessen können.

Von jenem "flaumsachten Elferich" des Jahres 1921 bis ins Arbeitszimmer des Sir Michael Kerr im Jahr 1984 spannt sich ein bedrückender und bewundernswerter Lebensbogen – beklemmend vor allem für einen deutschen Interviewer. Denn Hitler und die nationalsozialistischen Deutschen haben auch diese Familie des politischen Gegners und Juden vertrieben; hätte Alfred Kerr nicht im März 1933 sofort mit sicherem Instinkt, noch aus dem Krankenbett, die Flucht nach Prag ergriffen – auch diese Familie wäre ermordet worden.