Etwa zwei Drittel der rund 160 DDR-Bürger, die seit Anfang Oktober in der Prager Botschaft leben, haben bis Dienstag die Heimreise angetreten.

Wo die Reise der Flüchtlinge nach dem Verlassen des Palais Lobkowitz enden wird, ist ungewiß. Bisher hatte die DDR in vergleichbaren Fällen eine "wohlwollende Prüfung" von Ausreiseanträgen zugesagt, was soviel wie eine Ausreisegarantie in den Westen bedeutete. Diesmal hat sie nur Straffreiheit zugesichert und das Wort "wohlwollend" aus ihrem Angebot gestrichen. Darüber hinaus gab und gibt es weder Zusagen hoch Verhandlungen", sagte der Ostberliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, deutete aber zugleich eine "für beide Seiten zumutbare, letztlich gute Lösung" an.

Ähnlich verklausuliert drücken sich die Zuständigen in Bonn aus: Man habe gewisse Hoffnungen, sagte vor kurzem Philipp Jenninger, damals noch Staatsminister im Kanzleramt, aber bei allem Verständnis müsse doch klar sein, daß der Weg über die Vertretungen der Bundesrepublik nicht der richtige für DDR-Bürger sei, die ihre Aussiedlung erzwingen wollten. Bonn und Ostberlin sind offenbar bemüht, das Problem so unauffällig wie möglich zu lösen, um die deutsch-deutschen Beziehungen nicht zu belasten.

Daß DDR-Bewohner Botschaften der Bundesrepublik in Osteuropa als Weg in den Westen nutzen, ist durchaus nichts Neues. Aber bis vor kurzem unternahmen nur wenige diesen Versuch; diese Fälle wurden ohne viel Aufsehen zwischen beiden deutschen Staaten geregelt. Spätestens durch die Flucht der Nichte Willi Stophs im März über die Botschaft in Prag erfuhren viele DDR-Bürger von dieser Möglichkeit. Da sie die Tschechoslowakei ohne Visum besuchen dürfen, setzte ein regelrechter Fluchttourismus nach Prag ein.

Ob der Fall Prag für die Bonner Vertretungen in osteuropäischen Staaten Folgen haben wird, wollte Regierungssprecher Sudhoff am Dienstag nicht sagen: "Wir können nur hoffen, daß es sich herumspricht, daß die DDR keine Zugeständnisse mehr macht. Wir werden unsere Botschaften aber nicht schließen."

Zur Zeit befinden sich noch etwa 50 Menschen im Palais Lobkowitz. Sie trauen den Zusicherungen der Ostberliner Regierung offenbar nicht oder hoffen auf weitere Verhandlungen. Auch in den Bonner Botschaften in Warschau, Budapest und Bukarest sollen sich jeweils ein Dutzend Ausreisewillige aus der DDR aufhalten.

Robert Birnbaum