Wer in Tel Aviv zum Hauptpostamt geht, der hat nicht unbedingt vor, Briefmarken zu kaufen oder eine Telephonrechnung zu bezahlen. Das blaugekachelte Gebäude an der Ecke Allenby/Halevy Straße, mitten im alten Geschäftszentrum der Stadt und nur ein paar Fußminuten von der Zentralen Busstation entfernt, markiert die Stelle, an der täglich Millionengeschäfte abgewickelt werden, deren Volumen den Umsatz der weiter nördlich am Stadtrand gelegenen Diamantenbörse übertreffen dürfte.

Dabei haben die an diesem regen Treiben Beteiligten weder Büros noch Werkstätten, benutzen weder Computer noch Registrierkassen, alles, was sie brauchen, ist ein kleiner Taschenrechner, mit dem dividiert und multipliziert wird. Auftragsbögen und Rechnungsblöcke sind ebenfalls entbehrlich. Das große Geschäft findet nicht im Postamt, sondern davor statt, draußen auf der Straße. Die Geschäftsstunden fallen dabei mit den Öffnungszeiten des Postamtes zufällig zusammen: von etwa 9 Uhr morgens bis gegen 18 Uhr abends, mit einer Pause während der heißen Mittagszeit zwischen 13 und 15 Uhr.

"Die Post", wie Insider den Platz nennen, ist ein Synonym für den Devisen-Schwarzmarkt, der nur dem Namen nach ein Schwarzmarkt, praktisch aber eine Institution ist, die trotz ihrer Illegalität das Tageslicht nicht zu scheuen braucht.

Die Händler, etwa zwei Dutzend Männer im Alter um die fünfzig Jahre, sehen genauso aus, wie man sich Schieber vorstellt: mäßig ungepflegt, in abgetragenen Kleidern und mit dem trainierten Blick von Profis, die ihre Kunden schon von weitem erkennen. Ein paar Jüngere sind auch daranter, einer trägt eine knallrote Baseballmütze. Der Hemdkragen über dem Sakko nach alter Ben-Gurion-Manier paßt nicht zu dem playboyartig weit offenen Hemd, das den Blick auf einen riesigen goldfarbenen Davidstern freigibt.

Aber trotz des leicht unsoliden Äußeren, das alle Vorurteile bestätigt, handelt es sich um seriöse Geschäftsleute, auf deren Wort man sich, wie früher bei den Viehhändlern, verlassen kann. Hat man sich über den Wechselkurs verständigt und den Betrag, den man tauschen möchte, genannt, wechseln die Noten die Besitzer, wobei der Händler Bündel von abgezählten Schekel-Scheinen aus der Tasche zieht. Nachzählen gehört zwar zum Ritual, ist aber nicht nötig. Die Beträge stimmen garantiert, Schwarzmarkt ist Vertrauenssache.

Gehandelt wird mit allen westlichen Währungen, vor allem mit dem US-Dollar. Die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs ist wesentlich geringer als bei den Banken, man muß nicht warten, weder eine Kommission bezahlen nochFormulare ausfüllen, keinen Paß vorzeigen, der ganze Vorgang ist im Nu erledigt. Wer weiß, wie umständlich und zeitraubend es in einer israelischen Bank zugeht, der weiß diesen schnellen, informellen und effektiven Service zu schätzen. Zudem ist "die Post" nicht nur im Schnittpunkt zweier Hauptstraßen am Rande des Bankenviertels und daher verkehrsmäßig sehr günstig gelegen. Der Platz hat auch noch andere Qualitäten.

Da hängen zwei Telephonautomaten an der blauen Kachelfassade. In Israel kann man sich, wie in England, in einem öffentlichen Fernsprecher anrufen lassen. Also rufen die Kunden an, fragen nach dem Tageskurs und entscheiden danach, ob sich das Geschäft für sie lohnt oder nicht. Die Händler ihrerseits rufen von diesen Automaten jeden Tag kurz nach 13 Uhr bei der Bank of Israel an, um den amtlichen Dollarkurs zu erfahren, der täglich, außer Samstag und Sonntag, neu festgelegt wird. Und da gibt es eine große Anzahl von Cafés in der Umgebung, in denen größere Transaktionen im Sitzen und in Ruhe abgewickelt werden können.