ARD, Sonntag, 18. November, 21.15 Uhr: "Der Weidenbaum" von Sohrab S. Saless nach einer Erzählung von Anton Čechov.

Hundert Zeilen: das war die von N. A. Lejkin, Zeitungsverleger, vorgegebene Länge, und eigentlich sollte es etwas Lustiges sein. Zu den Eizählungen, die Čechov im April 1883 bei der satirischen Zeitschrift Oskolki ablieferte, gehörte "Der Weidenbaum", hundert Zeilen, daran hatte sich der Autor gehalten, aber ganz und gar nicht lustig. Čechov entschuldigte sich: "Manchmal macht man Jagd auf den Humor und schreibt dabei etwas zusammen, daß einem selber schlecht wird. Unwillkürlich ist man in den Bereich des Ernstes geraten ..

Mit "Der Weidenbaum" war Čechov nun in der Tat "in den Bereich des Ernstes gekommen" – denn um nichts weniger Lustiges geht es hier als um einen Mord. Oder genauer: um einen alten Mann, der Zeuge eines Mordes wird, oder noch genauer: um die denkwürdige Art und Weise, in der ein Mordfall, ein eindeutiger, aktenkundiger Mordfall, plötzlich "verschwindet".

An der alten Mühle geschah die Tat, in der Helle der Mittags, in der ewigen Stille und Abgeschiedenheit dieses Ortes irgendwo an einem schmalen Fluß im weiten Rußland. Der alte Mann, vormals Diener in einem Herrenhaus, der hier einsam seine letzten Tage verbringt, hat alles mitangesehen, gesehen auch, wie der Mörder die Geldtasche im hohlen Stamm des Weidenbaumes neben der Mühle versteckte, bevor er floh. Und die Geldtasche, die läßt dem Alten keine Ruhe.

Er macht sich auf in die Stadt, irrt durch die Straßen, die Tasche baumelnd an der Hand, wie ein räudiges Stück Fell, von einer Amtsstube an die nächste verwiesen. Doch sonderbar: Von Büro zu Büro wird die Tasche leichter, das Geld darin verschwindet auf merkwürdige Weise unter den Händen der Beamten. Von ihm selbst, seinen Beobachtungen, will keiner etwas wissen: "Geh, Alter!"

Unverrichteter Dinge kehrt er heim, zieht sich wieder zurück in seine Einsiedelei – als plötzlich der Mörder vor ihm steht. Das Geld ist fort, der Mörder streicht um den Alten herum; schließlich gehen sie beide in die Stadt, "um ein Geständnis abzulegen". Das aber will dort niemand hören. "Welcher Mord? Welcher Mörder?" fährt sie der Polizeivorsteher an. Man ist an dieser Sache, aus guten Gründen, nicht mehr interessiert.

Eine Novelle, nicht mehr als die Skizze einer Novelle, von dem seit Jahren in Deutschland lebenden persischen Meisterregisseur Sohrab Saless ("Grabbes letzter Sommer", "Utopia") in stumme, nur andeutende Bilder übersetzt, kaum Dialog, keine Musik. Auf beklemmende Weise, in langsamen Abblenden, versinken diese Bilder im trägen Fluß der Erzählung – aus solcher Ferne, mit solch einer schwermütigen Gelassenheit wurde selten ein Mord erzählt. Die Einsamkeit des Ortes, die Gleichförmigkeit der Tage, unterbrochen nur in der Mittagszeit vom leisen Glöckchenschellen der vorbeifahrenden Postkutsche, scheint auch ein Mord nicht wirklich stören zu können. Flächen beherrschen die Bilder, das Wasser des Flusses, der Platz vor der Mühle, das Straßenpflaster in der Stadt: die Menschen bewegen sich nur am Rande einer endlosen, unbeweglichen Fläche. Sie interessieren nicht, sind überflüssig.