Von Klaus Pokatzky

West-Berlin

Die Bewegung ist tot. Letzte Woche wurde sie zu Grabe getragen; damit ist Berlin-West zum erstenmal seit fünfeinhalb Jahren wieder eine hausbesetzerfreie Zone. Mit Bewohnern des letzten von einst 169 besetzten Häusern in der Mansteinstraße 10/10a im Stadtteil Schöneberg wurde ein Pachtvertrag vereinbart. Das vorletzte besetzte Haus war in der Reichenberger Straße 63a einige Wochen zuvor polizeilich geräumt worden.

Eine unfriedliche, eine friedliche Lösung – ganz im Stile der Berliner Hausbesetzer-Arithmetik. Von den 165 besetzten Häusern, die der CDU-Senat 1981 vom sozialdemokratischen Vorgänger übernahm, wurden 78 "legalisiert", also mit Miet-, Kauf- oder Pachtverträgen in die Hände der Besetzer gegeben. 60 wurden von der Polizei mit Gewalt geräumt, wie die Kreuzberger Reichenberger Straße, 27 freiwillig verlassen.

Das war’s dann also. War’s das? Was bleibt denn nun neben den Verträgen, die aus Besetzern Besitzer gemacht haben? Was hat sich mit und durch die Hausbesetzer geändert im politischen und sozialen Gefüge der Stadt?

Bei den letzten Wahlen zum Abgeordnetenhaus, im Frühjahr 1981, waren sie die willkommenen und effektiven Wahlhelfer der oppositionellen Christdemokraten. Kaum ein Tag verging damals, an dem nicht mindestens ein leerstehendes Haus besetzt wurde; kaum eine Woche, in der nicht Scharmützel zwischen Polizei und Besetzern für zerbrochene Schaufensterscheiben, blutige Köpfe und blutrünstige Schlagzeilen der Springer-Presse sorgten. Völlig hilflos und handlungsunfähig schien der abgewirtschaftete SPD-Senat; die CDU hatte, auch wegen der Hausbesetzer, leichtes Spiel, an die Macht zu kommen.

Bei der nächsten Abgeordnetenhaus-Wahl, im kommenden März, dürfte die Alternative Liste der große Profiteur der Bewegung sein. Denn die vielen Gruppen von Menschen, die sich bei und für die Hausbesetzer engagiert haben, mögen inzwischen auseinandergefallen sein, die meisten ihrer Mitglieder wieder ganz normal zur Miete leben – aber sie alle haben durchs Besetzen und seine Folgen Erfahrungen gemacht, die sie verändert haben.