Stuttgart

Wir werden", so der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth in seiner Regierungserklärung nach der Landtagswahl vom März dieses Jahres, "die Landesentwicklungsgesellschaft zu einem Instrument der Industrieansiedlung und Infrastrukturförderung ausbauen." Heute, fünf Monate danach, ist klargeworden, welchen eigentlichen Sinn der Ausbau dieser früher behäbigen landeseigenen Wohnbaugesellschaft des Landes hatte. "Das war der Köder", sagt man heute in der CDU des Landes hämisch. "Er hätte ja nicht anbeißen müssen", erwidert der FDP-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Weng.

Er, das ist der FDP-Landes- und Fraktionsvorsitzende Jürgen Morlok, der schon als politischer Jüngling ganz von den Diäten eines Abgeordneten und Fraktionschefs zu leben gelernt hatte. Nach acht Jahren Konsolidierungsarbeit an der Spitze der baden-württembergischen FDP, nach aufreibenden Wahlkämpfen mit bescheidenen Ergebnissen zwischen sieben und neun Prozent und nach schmerzlichen Kämpfen um die Bonner "Wende", wollte der 39jährige Diplomvolkswirt aus Karlsruhe endlich einen ordentlichen Beruf haben. So vergingen nur wenige Tage, bis der liberale Vormann sich bei Lothar Späth, dem politischen Gegner aus der Wahlkampfzeit, anmelden ließ. Das mit der Landesentwicklungsgesellschaft, so Morlok zu seinem Duz-Freund Späth, "das interessiert mich".

Lothar Späth, der seine absolute Mehrheit inzwischen gegen drei Parteien verteidigen muß, war vom Erfolg seiner Angelpartie derart begeistert, daß er schon wenige Tage nach Morloks Stellenbewerbung zu plaudern anfing. Gegenüber christdemokratischen Freunden triumphierte er: "Die Landes-FDP kann man nur unter fünf Prozent drücken, indem man Morlok abwirbt. Das mache ich jetzt."

Immerhin hat die baden-württembergische CDU große Erfahrung darin, wie man durch persönliche Verlockungen ganze Parteien für sich vereinnahmt. Vor zwanzig Jahren schon hatte der alte CDU-Stratege Klaus Scheufele den nord-württembergischen Funktionären der Vertriebenenpartei BHE (Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten) Sitz und Stimme im Stuttgarter Kabinett versprochen, wenn sie ihre Partei auflösen und die Vertriebenenwähler durch Kandidatur von BHE-Leuten auf CDU-Listen den Christdemokraten zuführen würden. Der Pakt klappte, und der erste Schritt zur absoluten Mehrheit der CDU im Südwesten von 1972 war getan.

Nach der Landtagswahl von 1972, als Hans Filbinger die absolute Mehrheit im Stuttgarter Landtag errang, setzte die CDU zum ersten Mal solche Brechstangen auch an das Gebäude der Liberalen: Guntram Palm, ehedem der politische Lieblingssohn Reinhold Maiers, verließ die FDP und trat später zur CDU über. Heute ist er Finanzminister der CDU-Landesregierung.

Kaum hatte Morlok in der vergangenen Woche die führenden Parteifreunde in einem Eilbrief davon unterrichtet, daß er spätestens zum Jahresende als Partei- und Fraktionschef der 8000 FDP-Mitglieder und der acht Landtagsabgeordneten nicht mehr zur Verfügung stehe, da gingen auch schon die ersten Ziffern des Späthschen Kalküls in Erfüllung. "Jetzt wird sich zeigen, daß die Einheit in der FDP doch nicht so groß war, wie immer angenommen", formulierte Professor Ralf Dahrendorf, der den schwäbischen Liberalen ausgerechnet in der schweren Zeit der Bonner "Wende" mit öffentlichem Rat beigestanden war.