Hamburg

Wenige Wochen bevor die Gerichtsverhandlung gegen die Hamburger "Hell’s Angels" eröffnet wurde, erkrankte eine Schöffin. Das kommt vor. Der an ihren Platz gerückte Ergänzungsschöffe wurde ebenfalls krank und nun seinerseits durch eine Ergänzungsschöffin ersetzt, die – auch das kann vorkommen – erkrankte. Der an ihrer Stelle ernannte Ergänzungsschöffe ließ sich bald darauf entschuldigen und reichte aus gegebenem Anlaß ein ärztliches Attest nach.

Beschäftigt hat der Prozeß, lange bevor er eröffnet wurde, viele. Das ist das Mindeste, was sich dazu sagen läßt. Schlagzeilen, Berichte und Artikelserien haben Monate zuvor über Geschichte, Hintergründe, mafiose Praktiken und angebliche Taten der als "Hell’s Angels" organisierten Rocker-Szene informiert. Noch ehe die 470 Seiten umfassende Anklageschrift vor der siebten Großen Strafkammer des Hamburger Landgerichts verlesen werden konnte, mußte die Verhandlung für eine Woche vertagt werden. Fraglich ist, ob sie so bald fortgesetzt werden kann.

Angeklagt sind 14 Männer im Alter zwischen 28 und 36 Jahren, Mitglieder der "Hell’s Angels". Laut Satzung ein Verein von Motorradfahrern, in dem die Pflege des Zweiradmotors nach den Grundsätzen der Freiwilligkeit und Demokratie betrieben wurde; im Vereinsregister eingetragen und amtlich beglaubigt von einem Hamburger Urkundsbeamten im Jahre 1973 – bis auf Antrag aus Hamburg am 3. November 1983 Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) diesen Club verbieten ließ, samt Vereinsemblem: Totenkopf mit Flügeln.

Das Club-Abzeichen erinnert nicht von ungefähr an die Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Nazis und an all das, was drum und dranhing, an Männer-Mythos, an Ehre, Treue, an Gewalt und Erniedrigung, an Blutsbrüderschaft auf Gedeih – und Verderb meist anderer.

"Hell’s Angels". existieren seit 1949 in den Vereinigten Staaten und sind die Nachfolgegruppe eines kamikazeähnlichen Luftwaffen-Geschwaders der USA. Über 30 family-chapters beziehungsweise Vereinsfilialen gibt es außer in Amerika in Australien und Europa. Die Rolle der Jagdbomber haben chromblitzende Harley Davidsons übernommen, Kaufpreis zwischen zwanzig- und dreißigtausend Mark. Ob bei der Aufnahme in den Club nach einer Bewährungszeit der Mutproben und des Dienens oder bei "Hell’s Angels"-Hochzeiten mit "Hell’s Angels"-Torten (Frauen) – die Eidesformel "Angels forever for Angels" wird nicht mit der Hand auf der Bibel, sondern auf der Betriebsanleitung für Harley Davidsons geschworen, jedenfalls in Amerika.

Unwillige Zeugen