Als der Redakteur Hans Brecht vom Norddeutschen Rundfunk 1975 die Idee hatte, einen Film über den Maidanek-Prozeß zu drehen, jenes Verfahren gegen Angehörige des Vernichtungslagers bei Lublin, wo im Kriege mindestens 250 000 Menschen ermordet wurden, da ahnte niemand, auf was man sich da einließ. Eberhard Fechner, preisgekrönter Regisseur, der dem Fernsehpublikum schon einige unvergeßliche Dokumentarfilme beschert hatte, traute sich die Aufgabe zu. "Der Prozeß", der längste in der deutschen Rechtsgeschichte, dauerte fünfeinhalb Jahre. Noch einmal vier Jahre vergingen, bis die Urteile rechtskräftig waren. Dann erst konnte der Film in den Programmzeitschriften angekündigt werden.

Gerichtstage im Fernsehen. Der erste am Buß- und Bettag, republikweit, in allen Dritten Programmen. Der dreiteilige Film ("Anklage", "Beweisaufnahme", "Urteile") ist so monströs wie der Prozeß und das Verbrechen, das da mehr schlecht als recht gesühnt wurde. 450 Minuten, die dem Zuschauer alles abverlangen an Aufmerksamkeit, Geduld, Mitleiden, Miterleben, Selbstkritik, Bußfertigkeit Es ist eine seelische Tortur, und auf den letzten dreißig Minuten möchte man jeweils aufgeben wie ein Marathonläufer acht Kilometer vor dem Ziel.

"Soll ich meinen alten Eltern, die schon vor Jahren .Holocaust’ gesehen haben, auch das noch zumuten", fragte sich ein junger Journalist nach der Voraufführung. Man soll nicht, man muß, den Alten wie den Jungen. Denn nach dem Willen seiner Urheber sollte dieses Filmereignis eben nicht nur die Staatsverbrechen des Dritten Reiches dokumentieren (das war in Wort und Bild und Ton oft genug geschehen, bis hin zu der schockierenden, alle Familien tief aufwühlenden Hollywood-Schnulze "Holocaust"), sondern hier sollte auch ein Spiegelbild der bundesrepublikanischen Gesellschaft in den siebziger Jahren hergestellt werden, ein Film, den man gerade deswegen nach dreißig oder fünfzig Jahren noch aus dem Archiv hervorholen würde.

Fechner zwingt dem Zuschauer Rollen auf: die des gespannt lauschenden Schülers, des entsetzt begreifenden Augenzeugen, des Beichtvaters und Seelenarztes, bald auch die des Prozeßbeteiligten. Dank Fechners bewährter Mosaiktechnik, die Aussage an Aussage, oft mit harten Schnitten, aneinanderreiht, kann der Zuschauer gar nicht anders, als sich mit Anklägern, Verteidigern, Richtern und schließlich den Angeklagten auseinanderzusetzen, wenn nicht sogar zu identifizieren. Der Regisseur hat die Gabe, Menschen, auch verstockte und vergrämte, vor der Kamera zum Reden zu bringen (diesmal sind es an die siebzig); sie offenbaren ihre Gefühle, sie plaudern ungehemmt ihre Erlebnisse aus, sie ergreifen und empören uns. Erst im nachhinein merkt man, daß man Menschen nicht nur ins Gesicht, sondern auch ins Herz geschaut hat.

Selten, vielleicht noch zu ausführlich, durchsetzt Fechner die Sprechprotokolle mit Archivbildern, die man wie vergilbte Photos aus Familienalben betrachtete, wäre da nicht im Hintergrund die Stimme eines Zeugen, voll nacherlebten Grauens oder im mitleidlosen Berichtstil, die uns erschaudern läßt. Auf diese Weise erreicht der Film zeitweilig eine Dramatik und Spannung, wie sie manchem Bühnenautor nie gelingen will: etwa in der Beschwörung jenes Tages, da auf einen Schlag in der Nähe des Lagers Maidanek 17 000 Juden erschossen wurden.

Es ist wie im Gerichtssaal: Man prägt sich die Typen ein, man mag den einen und verabscheut den anderen, man verteilt Noten, und am dritten Abend sind es lauter gute alte Bekannte: der so bedächtig wirkende Richter, der aber an diesem Prozeß nahezu zerbrochen wäre; die sichtlich um gerechte Beurteilung bemühten Staatsanwälte; die Verteidiger, smart und zynisch die einen, korrekt und ausgleichend die anderen; dann die Zeugen, hier die fürs Leben gezeichneten Opfer des KZ-Terrors, dort die einstigen Mittäter, die nur durch Zufall nicht mit auf die Anklagebank gerieten, zuletzt die Angeklagten, von denen man einige zum Schluß fast lieb gewonnen hat, so menschlich anrührend sind sie.

Das ist das Erschreckende, Unbegreifliche, heute wie damals, wie es ein ehemaliger polnischer KZ-Häftling ausspricht: "Sie konnten Menschen totschlagen, und sie waren normal dabei – das kann ich nicht verstehen." Hannah Arendts Wort von der Banalität des Bösen reicht zur Erklärung nicht aus. Denn das Böse kam daher auch in schöner Gestalt, wie bei jener Aufseherin, die man die "blutige Brigitta" nannte, oder bei jenem Aufseher, den sie "Engelchen" tauften, weil er, ein hübscher Junge, die zur Exekution bestimmten Häftlinge abholte. Das Böse gab sich tugendhaft, wie bei jenem ordnungsliebenden Lagerschutzführer, den heute noch weniger der Gedanke an die Ermordeten plagt als vielmehr der Schlendrian und die Korruption, den er im verluderten Lager Maidanek vorfand.