Von René Drommert

Prag, Januar dieses Jahres, man spielt im Nationaltheater die Janáček-Oper "Libussa". Die Titelheldin, sagenhafte Gründerin Prags (auch bei Franz Grillparzer nachzulesen), ereifert sich hochdramatisch gegen Vergänglichkeit. Aber ihre Losung, sie steht vor einem hingepinselten gigantischen Lindenbaum, heißt nicht etwa "Der Wald soll nicht sterben". Nein, Libussa (tschechisch Libuše) prophezeit erschütternd: Ihr geliebtes tschechisches Volk werde zwar durch die Hölle müssen, aber es werde nie untergehen. Das klang in den Tagen der nationalsozialistischen Besatzung gefährlich. In solch einem Satz vermutet man eine ähnliche Heimtücke wie im Deutschen Reich in den Don-Carlos-Aufführungen in der freimütigen Aufforderung des Marquis Posa an König Philipp: "Geben Sie Gedankenfreiheit!" Das ist ein Satz, den die Nazis, in oder außerhalb des Propagandaministeriums, mit Wonne eskamotiert hätten. Das ging nicht, versteht sich. Libussa, die ganze Oper, konnte man verbieten. Man tat es.

Vom 3. bis zum 7. Januar 1985 gibt es, zur Freude sehr vieler Besucher, wieder den "Prager Winter", zum vierzehnten Mal. In der Oper, im Nationaltheater, wird wieder ein Werk von Leos Janáček gespielt, diesmal "Das schlaue Füchslein", in der Inszenierung von Ladislav Stros (Dirigent: Josef Kuchinka).

In der Tschechischen Philharmonie findet am selben Abend (am 5. Januar) ein Konzert statt zum 100. Jubiläum des "Hauses der Künstler". Händel, Scarlatti und Bach stehen auf dem Programm, und man darf sich auf musikalische Hochgenüsse gefaßt machen, zumal, da man schon beim letzten "Prager Winter" verschiedene Kostproben bekam. Es spielte und spielt nun wieder, um nur ein Beispiel zu nennen, der Geiger Josef Suk. Er hat eine Stradivari, der er ein wunderbares Cantabile entlockt. Bei "Stradivari" fällt mir ein: Suks Geige wird unter Polizeibewachung zum Konzert geliefert und abgeholt.

Jaroslav Hašek hat den braven Soldat Schwejk (Svejk) weit über die Grenzen seiner Heimat berühmt gemacht, aber nicht eigentlich erfunden. Schwejk war schon vor Hašek da, er ist in der tschechischen Mentalität ganz natürlich verwurzelt. Schlendert man jetzt durch die wunderbare "Goldene Stadt", darf man, falls man nicht rettungslos nüchternen, amusischen Gemütes ist, immer ein wenig darauf gefaßt sein, plötzlich irgendwo einem Schwejk zu begegnen.

Es wird berichtet, daß während der nationalsozialistischen Besatzung eines Tages Felix Mendelssohn-Bartholdy "verpetzt" wurde. Die Mendelssohn-Büste, neben anderen Komponisten auf dem Dach des Rudolfinums (heute das schon erwähnte "Haus der Künstler"), sollte als jüdisches Element aus der "arischen" Umgebung heraus vom Dach auf die Erde heruntergeholt werden. Ein mit dieser Aufgabe betrauter Arbeiter gestand seine Unbildung, er fragte den Auftraggeber, woran er denn den jüdischen Komponisten erkennen könne. An der größten Nase, lautete die Antwort. Der Arbeiter holte Richard Wagner herunter .. Ich vermute, der Dienstbeflissene spielte nur den Depp, er hatte es "faustdick hinter den Ohren", ich zweifle nicht, daß es wieder Schwejk war. Schwejk ist ausgezeichnet durch Pfiffigkeit, die er aber zumeist "con sordino" ins Spiel bringt.

Für den "Prager Winter" 1985 ist ein weithin attraktives Programm angekündigt, das Eröffnungsprogramm mit Kompositionen von Zelenka, dem bedeutendsten tschechischen Barock-Komponisten, von Martinu, Fischer und Dvořák (Serenade E-dur für Streichinstrumente, Op. 22), Dirigent: Jan Panenka; dann ein Abend im Agnes-Kloster, an dem das Smetana-Quartett Brahms und Dvořák spielt, ein Abend der vortrefflichen Prager Madrigalisten, ein Abend der Pantomime – um nur ein paar Punkte herauszugreifen.