/ Von Horst Bieber

Managua, im November

Der Nervenkrieg eskalierte noch in der Nacht des Wahltages. Washington habe, so wußten es die nicas, die schon lautstark die ruhig verlaufene Abstimmung feierten, mit Konsequenzen gedroht, sollte der Frachter "Bakuriani" tatsächlich moderne Kampfflugzeuge vom Typ Mig-21 im Hafen Corinto ausladen. Ein Satellit hatte im September das sowjetische Schiff in einem Schwarzmeerhafen photographiert; auf dem Kai lagen mehrere Kisten des Typs, in dem sonst Mig-21-Maschinen transportiert werden. Dann verhinderten Wolken mehrere Tage lang die Beobachtung. Als es wieder aufklarte, waren Kisten und Schiff verschwunden. Die "Bakuriani" nahm überdies Kurs um Kap Horn, statt die Abkürzung durch den Panamakanal zu wählen, wo die Ladung unter Umständen kontrolliert worden wäre.-

Am Mittwoch vergangener Woche, kurz vor Einlaufen des Frachters, übten sich die staatlich kontrollierten Medien Nicaraguas in Massenhysterie. Der "Alarmzustand für Volk und Armee" wurde ausgerufen: Die 82. US-Luftlandedivision rüste sich in Fort Bragg zum Abflug – "die Truppe, die den schmachvollen Überfall auf das wehrlose Grenada ausführte". Zwanzigtausend Schüler und Studenten wurden von der Kaffee-Ernte zum Militär zurückgerufen. "Lieber verlieren wir den Kaffee als unsere Souveränität", tönte der zuständige commandante Jaime Wheelock. Nordamerika versammle Truppen, Schiffe und Flugzeuge rund um Nicaragua, die immer schon beschworene Invasion stehe unmittelbar bevor, hieß es auf einer Pressekonferenz. Wie bestellt rollte in dieser Minute der Überschallknall des US-Aufklärungsflugzeuges SR-71 über die Hauptstadt Managua. Der "schwarze Vogel" läßt sich immer häufiger am Himmel blicken.

Die "Bakuriani" hatte tatsächlich Waffen geladen: Gewehre, Munition, schwere Kampfhubschrauber, wie sie die Sowjets gegen die afghanischen Rebellen einsetzen, und wahrscheinlich Boden-Luft-Raketen. Entladen wurde hauptsächlich nachts – ein schwacher Versuch der Sandinisten, ihrerseits ein Stück Nervenkrieg zu inszenieren.

Nicaragua ist ein Land im Kriegszustand. Dem Frieden sind die Sandinisten auch durch die Wahlen vom 4. November keinen Schritt näher gekommen.